Gemälde mit Darstellung eines Kindes, das durch ein Fenster auf einen Hochofen blickt.

Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne. Das LVR-Landesmuseum Bonn zeigt bis Mitte April 2026 , wie Künstlerinnen und Künstler der Moderne auf den Wandel der Arbeitswelt reagierten – und was uns heute bewegt.  Die Ausstellung ist sehenswert, wir haben im Katalog geblättert. ein Kompendium von Industrie- und Kulturgeschichte. Es birgt Erinneurungen an die Arbei der Großväter, an Zeiten, als der Takt der Werkssirenen  (zum Arbeits- und Pausenbeginn) und die Stechuhr das Tempo in den Fabriken, nicht nur des Ruhrgebietes, bestimmten.

Auch heute befindet sich die Welt der Arbeit, vor allem durch KI, wieder kräftig sich im Umbruch: Vertrautes fällt weg, wird ersatzlos gestrichen. Unter dem Titel „Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne“ zeigt das LVR-Landesmuseum Bonn bis zum 12. April 2026 den rasanten Wandel der Arbeitswelt vor 100 Jahren aus der Perspektive von Künstlerinnen und Künstlern – von Otto Dix bis Hannah Höch. Gezeigt werden Werke von Hans Baluschek (der hier ganz in der Nähe auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof seine letzte Ruhestätte fand), wir treffen auf Karl Blechens Eisenwalzwerk am Finowkanal in Eberswalde, eine der frühesten realistischen Industriedarstellungen in der deutschen Kunst.

Überraschende Parallelen zur Gegenwart werden sichtbar.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts führten technologische Neuerungen und soziale Umbrüche zu tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitswelt. Künstlerinnen und Künstler reagierten auf diese Herausforderungen, machten Missstände sichtbar und entwarfen Visionen einer zukünftigen Gesellschaft. Nie zuvor und zu keiner Zeit danach hat sich die Kunst in vergleichbarer Intensität mit dem Wandel der Arbeit und den damit verbundenen gesellschaftlichen Entwicklungen auseinandergesetzt.

Auf seiner Rückreise von Paris nach Berlin besucht der „Eiserne Gustav“ mit seinem Pferd „Grasmus“ die Opelwerke in Rüsselsheim. Hier steht er am Sechszylindermontageband. Der „Eiserne Gustav‘, alias Gustav Hartmann, unternahm 1928 mit seiner Droschke eine Fahrt nach Paris und zurück, um gegen die Verdrängung der Pferdedroschken durch motorisierte Taxis zu protestieren. Die Fahrt erregte in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit und machte Hartmann zu einer Berühmtheit.

"Der Eiserne Gustav" beim Besuch des Opel-Werks in Rüsselsheim, 1928 © SZ Photo, München

„Der Eiserne Gustav“ beim Besuch des Opel-Werks in Rüsselsheim, 1928 © SZ Photo, München

Die Ausstellung „Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne“ greift dieses historische und zugleich hochaktuelle Thema auf. Sie beleuchtet in sechs thematischen Kapiteln erstmals die Umbrüche von Arbeit und Gesellschaft zwischen 1890 und 1940 aus der Sicht von Künstlerinnen und Künstlern. Zu sehen sind rund 300 Gemälde, Skulpturen, Fotografien, technikhistorische Objekte und  lltagsgegenstände aus zahlreichen deutschen und europäischen Sammlungen. Ikonen der Neuen Sachlichkeit wie Leo Breuers Kohlenmann“ (1931) treten in einen Dialog mit Werken von Otto Dix, Hannah Höch, Conrad Felixmüller und Franz Wilhelm Seiwert – und zeigen verblüffende Parallelen zu aktuellen Debatten. Aber auch weniger bekannte Positionen von Gerd Arntz, Barthel Gilles, Sella Hasse oder Magnus Zeller geben vertiefte Einblicke in diese wechselvolle Zeit.

Gesichter, Räume, Takte – Bilder einer neuen Zeit

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Ausstellungsansicht © LVR-Landesmuseum Bonn, Foto: Jürgen Vogel

In den Themenbereichen „Gesichter“, „Räume“, „Takte“, „Verheißungen“, „Kritik“ und „Zukunft“ der Arbeit zeigt die Ausstellung, wie Künstlerinnen und Künstler der Moderne auf die Hoffnungen und Herausforderungen der neuen Arbeitswelt reagierten. Die fortschreitende Industrialisierung brachte neue Berufe hervor – vom Industriearbeiter bis zur Telefonistin –, die erstmals ins Blickfeld der Kunst rückten. Neue Räume,  Fabrikanlagen, die  Städte und Landschaften überformen, ebenso wie Maschinenhallen und Bürogebäude wurden zu Sinnbildern einer sich rasant wandelnden Welt, in der die Takte der Maschinen zunehmend den  Lebensrhythmus bestimmten.

Ottomotor, Gasmotoren-Fabrik Deutz AG, 1906 © TECHNOSEUM, Mannheim

Ottomotor, Gasmotoren-Fabrik Deutz AG, 1906 © TECHNOSEUM, Mannheim

Ergänzt werden die Ausstellungskapitel durch interaktive Bereiche, die aktuelle Themen und Fragen unserer Zeit in den Blick nehmen und damit einen Bogen vom Gestern ins Heute schlagen. Infografiken, Videointerviews mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Forschung und Berufspraxis sowie Mitmachstationen laden zum Austausch, etwa über die Zukunft der Arbeit, ein.

„Tracing Labour“ – Gertrud Riethmüller

Als zeitgenössische Position zeigt die Künstlerin Gertrud Riethmüller, Trägerin des 2024  verliehenen Kunstpreises des Rhein-Sieg-Kreises, ausstellungsbegleitend vom 12. November 2025 bis zum 25. Januar 2026 fünf großformatige Installationen zu historischen Arbeitswelten und sozialen Fragestellungen. Dabei spannt sie einen Bogen von den prekären Arbeitsbedingungen der Klöpplerinnen im 16. Jahrhundert bis zu aktuellen Veränderungen durch künstliche Intelligenz.

Die Kunst feierte die Verheißungen der Arbeit – sozialen Aufstieg, Emanzipation und Freizeit –, prangerte aber zugleich Ausbeutung, Massenarbeitslosigkeit und Entfremdung an.

Ergänzt werden die Ausstellungskapitel durch interaktive Bereiche, die aktuelle Themen und Fragen unserer Zeit in den Blick nehmen und damit einen Bogen vom Gestern ins Heute schlagen. Infografiken, Videointerviews mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Forschung und Berufspraxis sowie Mitmachstationen laden zum Austausch, etwa über die Zukunft der Arbeit, ein.

Rahmenprogramm und Katalog

Ein umfangreiches Begleitprogramm lädt dazu ein, die Ausstellung auf vielfältige Weise zu entdecken: mit Führungen, Kino, Aktionstagen – darunter mit einer Live-Vertonung des monumentalen Stummfilmklassikers „Metropolis“ von Fritz Lang (23.11.) –, einer Date Night (14.2.) sowie einem Lunchbox-Kochkurs (28.11.).

Mehr im Internet unter LVR Landesmuseum  Bonn

Ein umfangreicher Katalog zur Ausstellung mit 256 Seiten und 220 Abbildungen ist im Hirmer Verlag, München erschienen. (ISBN 978-3-7774-4624-0). Preis: im Museum 39 €, im Buchhandel  49,90 Euro.

Magnus Zeller, Redaktionsschluss, 1928

Das Gemälde hält das hektische Treiben kurz vor der Drucklegung der Zeitung „B.Z. am Mittag“  fest. Das Blatt war die erste deutsche oulevardzeitung im Straßenverkauf. Ihr  Markenzeichen war die für damalige Verhältnisse ungewöhnlich hohe Geschwindigkeit der Nachrichtenübermittlung: Auslands korrespondenten versorgten die Redaktion über Telefone mit Neuigkeiten, aktuelle Meldungen wurden bis kurz vor Verkaufsbeginn um 13 Uhr noch eingearbeitet.M._Zeller_Redaktionsschluss_kl

Axel Springer Verlag, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Ausstellungskatalog Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne, hrsg. von Christoph Schmälzle und Thorsten Valk, Hirmer Verlag,  München 2025, 256 Seiten, ISBN 978-3-7774-4624-0, Preis an der Museumskasse: 39 €, Buchhandelspreis: 49 Euro.

Mehr im Internet unter LVR Landesmuseum  Bonn