Von Jörg Berghoff
Nur vier Kilometer südwestlich des Ostseebades Boltenhagen wartet ein Ort, der auf den ersten Blick kaum an die Ostseeküste erinnert: Schloss Bothmer. Eine lange Allee führt durch die Landschaft auf die größte barocke Schlossanlage Mecklenburgs zu. „Das sieht ja gar nicht norddeutsch aus“, hört man immer wieder die Besucher anmerken, die sich über die große Allee dem gebäude nähern. Tatsächlich wirkt Schloss Bothmer wie ein Stück England mitten in Mecklenburg. Der Bauherr Hans Caspar von Bothmer lebte viele Jahre in London und verpflanzte diese Eindrücke aus der englischen Welt mitten nach Klütz. Das Schlossensemble mit seinen roten Backsteinfassaden, dem Park und der weitläufigen Anlage, erzählt von europäischer Geschichte, von Reisen, Beziehungen und kulturellem Austausch.
Ich gehe durch den Park. Die Geräusche der Straße verschwinden, stattdessen rascheln Blätter im Wind. Das Schloss liegt ruhig vor mir, elegant und zugleich bodenständig. Hier wird deutlich, dass Kultur an der Ostseeküste nicht nur in Museen und Kirchen zu finden ist. Sie steckt auch in Landschaften, Gärten und Bauwerken, die von Menschen geschaffen wurden, die weit über Mecklenburg hinausblickten und an anderen Orten wirkten, ihrer Heimat aber verbunden blieben. Ich hebe den Kopf, rieche die sanfte Meeresbrise im Mittagslicht und empfinde, dass auch ein Schloss vom Meer erzählen kann. Indem es an Hand seines Erbauers zeigt, wie weit die Welt schon immer durch die Gewässer miteinander verbunden war.

Die Fassade des Haupthauses erinnert an Buckingham Palace.

Peter Frank führt kenntnisreich und mit einer Prise Humor durch die Räume des Schlosses.
Respice Finem lautet das Familienmotto der Bothmers, also gibt es zu Lebzeiten viel zu tun. Hans Caspar von Bothmer bereiste bis 1714 die bedeutendsten Höfe und Städte Europas, seine Heimat war das Fürstentum Braunschweig-Lüneburg, das Stammland der Welfen. Durch Erbteilungen wurde das Herrschaftsgebiet der Welfen zersplittert und die Bedeutung der Welfen-Fürsten gemindert. Um ihre Macht im nordischen Raum zurückzuholen, schufen sie durch Familienbündnisse und das Erstgeborenenrecht wieder ein größeres zusammenhängendes Territorium. Ein weiteres Ziel, die Erlangung der Kurwürde, wurde 1692 erreicht. Durch diesen Aufstieg ergab sich eine Chance im europäischen Staatengefüge: die Aussicht auf den Thron von England. Die welfischen Kurfürsten setzten alle Kräfte ein, um nun auch zu Königen aufzusteigen. Dafür brauchte es Geschick, Gewandtheit und auch ein wenig diplomatische List. Hans Caspar von Bothmer vereinte die Eigenschaften perfekt.
Aber er war nicht nur ein geschickter Politiker, sondern erwarb im Laufe seines Lebens ein beträchtliches Vermögen. Ab 1711 war er in London tätig, dort sorgte er mit dafür, dass der hannoversche Kurfürst Georg Ludwig im Jahre 1714 in Personalunion als Georg I. zum König von Großbritannien wurde. Bothmer blieb bis zu seinem Tod1732 in London der wichtigste Berater des Königs und Erster Minister für deutsche Angelegenheiten. Als Dienstsitz nutzte er seit 1720 in Westminster die Downing Street 10, von dort aus leitete er die Deutsche Kanzlei. Die Räume dürften damals allerdings in keinem guten Zustand gewesen sein, er beschwerte sich mehrmals beim König über das Gebäude. In den höheren Adel aufgestiegen, ließ er von 1726 bis 1732 durch Johann Friedrich Künnecke Schloss Bothmer als Familiensitz im Klützer Winkel erbauen. Dessen Fertigstellung erlebte er leider nicht mehr.

Foto: Jörg Berghoff
Text/Fotos: © Jörg Berghoff
Öffnungszeiten und Eintritt
Schlossmuseum im Oktober
Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr. Letzter Einlass 30 Minuten vor Schließung.
Erwachsene 9 Euro, ermäßigt 7 Euro. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben freien Eintritt. Audioguides sind kostenlos.
Ganzjährig täglich ab 9 Uhr geöffnet; der Park ist frei zugänglich.
Quelle: offizielle Besucherinformationen von Schloss Bothmer.
Mit der Bahn: Schloss Bothmer hat keinen eigenen Bahnhof. Aus Richtung Berlin bietet sich die Bahn bis Wismar an, aus Richtung Lübeck beziehungsweise Hamburg der Bahnhof Grevesmühlen. Von dort fahren Regionalbusse nach Klütz. Die Haltestellen Wismarsche Straße und Kirche sind für den Besuch relevant. Die passende Busverbindung sollte man vorab für den konkreten Reisetag prüfen.
Mein Tipp: Verbinden Sie den Schlossbesuch mit einem Abstecher nach Boltenhagen. Zwischen barocker Architektur, der berühmten Lindenallee von Schloss Bothmer und der nahen Ostseeküste lässt sich daraus ein abwechslungsreicher Tagesausflug oder ein ganzes Wochenende machen.
Weitere Informationen: Offizielle Website von Schloss Bothmer.
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