Mit Secret Places Schottland legt Udo Haafke weit mehr als einen klassischen Reiseführer vor. Der erfahrene Reisejournalist und Fotograf nimmt seine Leser mit zu Orten, die selbst viele Schottland-Kenner kaum auf dem Schirm haben. Dabei verbindet er Landschaft, Geschichte, Technik und Kultur zu einem ebenso informativen wie atmosphärischen Reisebildband.

Besonders gelungen ist die Auswahl der vorgestellten Ziele. Neben abgelegenen Küsten, Inseln und historischen Dörfern finden sich auch bemerkenswerte Zeugnisse der schottischen Ingenieur- und Industriekultur. So beschreibt Haafke die Union Chain Bridge über den River Tweed, die bei ihrer Eröffnung 1820 als längste eiserne Hängebrücke der Welt galt und heute als Symbol für die Verbindung zwischen England und Schottland steht. Die Geschichte dieses technischen Denkmals wird anschaulich erzählt und macht deutlich, wie eng Verkehrsgeschichte und Landesentwicklung miteinander verbunden sind.

Cover Bruckmann Udo Hafke: Schottland mit dem Wohnmobil

Auch die schottische Whisky-Kultur erhält ihren Platz. Der Autor führt seine Leser zu traditionsreichen Brennereien und zeigt, wie stark die Herstellung des Nationalgetränks mit Landschaft, Geschichte und regionaler Identität verknüpft ist. Dabei vermeidet er oberflächliche Tourismusklischees und vermittelt stattdessen interessante Einblicke in eine jahrhundertealte Kulturtradition.

 

Für Eisenbahn- und Technikfreunde besonders reizvoll ist die Aufnahme der Brücke von Craigellachie im Spey-Tal. Das von Thomas Telford entworfene Bauwerk zählt zu den bedeutenden historischen Brücken Schottlands und steht exemplarisch für die Ingenieurskunst der frühen Industrialisierung. Solche Beispiele verleihen dem Buch eine zusätzliche Tiefe, die über den Charakter eines reinen Reiseführers hinausgeht.

Wie gewohnt überzeugt Haafke auch fotografisch. Die großformatigen Aufnahmen vermitteln die besondere Atmosphäre des Landes und machen Lust, die beschriebenen Orte selbst zu entdecken. Die Texte sind informativ, gut recherchiert und stets angenehm lesbar.

 

Für mich als Eisenbahn- und Technikjournalist (in meinem ersten Leben war ich Metallurge) besonders interessant, mit elcher detailtreue Udo Haafke technische Highlights in Schottland vorstellt. Drei will ich hier nennen:

Leadhills & Wanlockhead Railway

Die Leadhills & Wanlockhead Railway zählt zu den höchstgelegenen Museumsbahnen Schottlands. Die schmalspurige Strecke verbindet die ehemaligen Bergbauorte Leadhills und Wanlockhead in den Southern Uplands und folgt dem Verlauf einer historischen Industriebahn. Ursprünglich diente die Strecke dem Transport von Blei und anderen Erzen aus den umliegenden Minen. Heute verkehren hier liebevoll restaurierte Züge durch eine raue, weitgehend unberührte Hügellandschaft. Besonders reizvoll ist die Kombination aus Eisenbahngeschichte und Montanindustrie. Besucher erleben nicht nur eine nostalgische Bahnfahrt, sondern erhalten auch Einblicke in die Geschichte des schottischen Bergbaus, der diese abgelegene Region über Jahrhunderte geprägt hat.

Glasgows unterirdischer Bahnhof – Glasgow Central Low Level

Unter den geschäftigen Straßen Glasgows verbirgt sich eine wenig bekannte Seite der schottischen Eisenbahngeschichte. Der unterirdische Bahnhof Glasgow Central Low Level wurde 1896 eröffnet und bildet einen wichtigen Teil der heutigen North Clyde Line. Tief unter dem berühmten Hauptbahnhof gelegen, erinnert er an die Zeit, als die Eisenbahngesellschaften nach neuen Wegen suchten, den wachsenden Verkehr in den Innenstädten zu bewältigen. Besonders faszinierend sind die unterirdischen Tunnelanlagen, die den Bahnhof mit dem regionalen Bahnnetz verbinden. Im Rahmen der beliebten Führungen durch den Hauptbahnhof erhalten Besucher Einblicke in verborgene Bahnsteige, ehemalige Stellwerksbereiche und die Geschichte des Eisenbahnverkehrs unter der schottischen Metropole. Für Eisenbahnfreunde gehört dieser oft übersehene Ort zu den spannendsten technischen Sehenswürdigkeiten Glasgows.

PS Waverley – Mit Volldampf durch die schottische Geschichte

Zu den außergewöhnlichsten Attraktionen in Udo Haafkes Secret Places Schottland gehört die Fahrt mit der PS Waverley. Der 1947 in Glasgow gebaute Schaufelraddampfer ist heute der letzte hochseetüchtige und fahrplanmäßig eingesetzte Passagier-Schaufelraddampfer der Welt. Ursprünglich auf dem Firth of Clyde im Einsatz, wurde das Schiff in den 1970er-Jahren von Eisenbahn- und Schifffahrtsenthusiasten vor der Verschrottung bewahrt und aufwendig restauriert. Heute können Fahrgäste auf historischen Routen entlang der schottischen Küste reisen und dabei das eindrucksvolle Spiel der riesigen Schaufelräder erleben. Ein besonderer Höhepunkt ist der Blick in den Maschinenraum, wo die gewaltige Dreifach-Expansions-Dampfmaschine noch immer arbeitet. Die Waverley ist weit mehr als ein Ausflugsschiff – sie ist ein schwimmendes Technikdenkmal und ein lebendiges Stück britischer Verkehrs- und Industriegeschichte. Für viele Schottland-Reisende zählt eine Fahrt mit der Waverley zu den eindrucksvollsten historischen Verkehrserlebnissen überhaupt. Udo Haafke wählt konsequent jene Orte aus, an denen sich Reiseerlebnis und Technikgeschichte begegnen. Dadurch spricht das Buch nicht nur klassische Schottlandurlauber an, sondern auch Eisenbahnfreunde, Brückenliebhaber und Industriehistoriker.

Fazit: Secret Places Schottland ist ein außergewöhnlicher Reisebildband für Individualreisende, Schottland-Liebhaber und kulturhistorisch interessierte Leser. Besonders die gelungene Mischung aus Natur, Geschichte, Technik und regionalen Besonderheiten hebt das Buch aus der Vielzahl der Schottland-Publikationen hervor.

Reisejournalist uind Fotograf Udo Haafke nach einer Tour mit Huskies in Niedersachsen. Foto: Weirauch

Zu Udo Haafke selbst: Er gehört seit Jahrzehnten zu den profilierten deutschen Reiseautoren und -fotografen. Seine besondere Stärke liegt darin, Landschaften immer im Zusammenhang mit Geschichte, Kultur und Technik zu betrachten. Gerade in seinen Schottland-Büchern fällt auf, dass er nicht nur Burgen und Panoramen beschreibt, sondern auch Eisenbahnen, Brücken, Häfen, Brennereien und andere Zeugnisse der Industriegeschichte einbezieht. Das macht seine Werke auch für Leser interessant, die – wie viele Eisenbahnfreunde – gern über den rein touristischen Tellerrand hinausschauen. Seine Bücher wirken dadurch oft wie eine Mischung aus Reiseführer, Kulturgeschichte und Bildband. Die Union Chain Bridge, die Craigellachie Bridge oder die Whiskyregion Speyside sind dafür typische Beispiele. Die 2023 restaurierte Union Chain Bridge nimmt im Buch sogar ein eigenes Kapitel ein.

Hier geht es zum Verlag Bruckmann, in dem der reichillustrierte Band (lobenswert mit einem Register) erschienen ist. DerPreis: 32.95 Euro