Der erste Pfiff geht durch Mark und Bein.

Eine weiße Dampfwolke steigt über dem Museumshafen von Leer auf. Langsam setzt sich die fast 117 Jahre alte „Prinz Heinrich“ in Bewegung. Im Maschinenraum beginnen zwei gewaltige Kolben ihren ruhigen Takt. Metall arbeitet, Ventile zischen, beide Schiffsschrauben greifen ins Wasser. Es riecht nach heißem Öl, Dampf und Geschichte. Viele der Passagiere lächeln. Manche schließen für einen Moment die Augen.

Denn genau so muss es geklungen haben, als der Dampfer 1909 zum ersten Mal Kurs auf die Insel Borkum nahm. DS „Prinz Heinrich“ wurde 1909 auf der Meyerwerft Papenburg für die Borkumer Kleinbahn- und Dampfschiffahrts-. Aktiengesellschaft in Emden als Doppelschraubendampfer „Prinz Heinrich“ Leer gebaut.

Eine Reise in die Kaiserzeit

Wenn sich vor allem an den Wochenenden im Museumshafen von Leer DS „Prinz Heinrich“ in Bewegung setzt, dann beginnt jedesmal eine Zeitreise. Die „Prinz Heinrich“ gehört zu den letzten fahrfähigen Seebäderdampfern Deutschlands und steht als nationales Kulturdenkmal unter Denkmalschutz.

Das Schiff wurde ursprünglich für den Verkehr nach Borkum gebaut. Nach Jahrzehnten im Liniendienst erfolgte 1958 der Umbau auf Dieselantrieb, die ursprünglichen Dampfmaschinen wurden ausgebaut. Später diente das Schiff unter anderem als Museumsschiff und lag zeitweise in Rostock-Warnemünde, wo bereits die Verschrottung drohte.

Verein rettete den Dampfer

Erst die Gründung des „Traditionsschiff Prinz Heinrich e. V.“ durch beherzte Bürger  im Jahr 2003 brachte die Wende. In mehr als 60.000 ehrenamtlichen Arbeitsstunden wurde der Dampfer restauriert und mit zwei historischen, zur Bauzeit passenden Dampfmaschinen von je rund 100 PS, wieder zum Dampfschiff aufgebaut.

Auf das Miteinander sind sie in Leer besonders stolz. Ob Maschinist, Kapitän, Decksmann, Restaurator oder Kassenwart – alle investieren ihre Freizeit. Viele bringen jahrzehntelange Erfahrung aus der Schifffahrt oder aus technischen Berufen mit. Ohne dieses Engagement gäbe es die „Prinz Heinrich“ längst nicht mehr.

Technik: Das Herz der „Prinz Heinrich“

Die heute eingebauten Maschinen sind nicht die Originale von 1909. Sie stammen jedoch ebenfalls aus der Epoche (im niederländischen Schiedamm gebaut)  und wurden aufwendig restauriert. Ihr gleichmäßiger Lauf, das Zischen des Dampfes und der Geruch von Öl machen den Maschinenraum zu einem Erlebnis für Technikfreunde – ähnlich wie bei einer historischen Dampflokomotive.

Blick in den Maschinenraum, von wo die Dampfmaschinen „Zicke“ und „Betsy“ gesteuert werden.

Leer.Prinz.Heinrich Dampfmaschine

Für Eisenbahnfreunde ist der Besuch des Maschinenraums fast so faszinierend wie ein Blick in das Triebwerk einer Dampflokomotive. Zwei liegende Zweizylinder-Dampfmaschinen mit jeweils rund 100 PS treiben unabhängig voneinander die beiden Schiffsschrauben an. Der Dampf entsteht in einem ölbefeuerten schottischen Kessel und wird über Leitungen zu den Maschinen geführt. Dort setzen Kolben und Pleuel die Dampfkraft in eine gleichmäßige Drehbewegung um.

Beide Dreifachexpansions-Dampfmaschinen entstanden auf der niederländischen Werft Gusto in Schiedam.

Besonders eindrucksvoll ist das Zusammenspiel der beiden Maschinen. Der Maschinist reguliert ihre Leistung mit großer Erfahrung, denn beim An- und Ablegen oder beim Manövrieren arbeiten beide Antriebe oft unterschiedlich. Die Ehrenamtlichen nennen ihre Maschinen liebevoll „Zicke“ und „Betsy“. Beide sind mehr als ein Jahrhundert alt und wurden in jahrelanger Arbeit vollständig restauriert. Sie stammen zwar nicht ursprünglich von der „Prinz Heinrich“, passen aber technisch und zeitlich exakt zu dem historischen Schiff und verleihen ihm wieder seinen authentischen Charakter.

Ehrenamt mit Leidenschaft

Der gesamte Fahrbetrieb wird auch heute von Ehrenamtlichen getragen. Nach dem Tod des langjährigen Vorsitzenden übernahm Paul Kluge den Vereinsvorsitz. Gemeinsam mit der Crew sorgt er dafür, dass der historische Dampfer nicht nur erhalten bleibt, sondern regelmäßig fährt.

 

Von Leer aus werden während der Saison Emsfahrten, Touren Richtung Papenburg, Emden, Ditzum und – je nach Fahrplan – auch nach Borkum angeboten.

Vereinsvorstand Paul Kluge.

Was bedeutet die „Prinz Heinrich“ für Sie?
Kluge: Sie ist ein lebendiges Stück Schifffahrtsgeschichte. Ein Schiff muss fahren – nur dann lebt es. Wenn die Maschinen ihren Rhythmus aufnehmen und der Dampf aus dem Schornstein steigt, wird Geschichte lebendig. Genau das begeistert unsere Gäste immer wieder.

Leer.Prinz.Heinrich Galerie Niedersachsen

Blick in den Salonraum, den man auch für Familienfeiern mieten kann.

Was zeichnet den Verein aus?
Kluge: Ohne unsere Ehrenamtlichen gäbe es dieses Schiff nicht. Jeder bringt sein Wissen und seine Zeit ein. Unser Katja, unser jüngstes Mitglied, studiert Schiffahrt und hat ihre  Bachelorarbeit über die Dampfmaschinen geschrieben.

Warum sollten Besucher mitfahren?
Kluge: Weil man Geschichte hier hören, riechen und erleben kann – nicht nur anschauen.

Wechselvolle Geschichte

Bei der „Prinz Heinrich“ handelt es sich um ein schifffahrtsgeschichtlich besonders wertvolles, mittlerweile einmaliges Schiff in Deutschland. Es ist das älteste erhaltene Seebäderschiff Deutschlands.  Sie verkehrte in erster Linie von 1909 bis 1954 im Linienverkehr und bis 1969 als Post- und Passagierdampfer im Liniendienst zwischen Emden und Borkum.  Unter dem Namen „Hessen“ fuhr das Schiff bis zum Jahr 1970. Dann wurde es an einen Privatmann verkauft, der es in Lübeck unter dem Namen „Missisippi“ als Museumsschiff betrieb. Im Jahr 2003 drohte dem heruntergekommenen Schiff die Verschrottung (es lag mittlerweile mit der darin befindlichen Überseeausstellung in Rostock.  Paul Kluge:  Durch Zufall erfuhr im selben Jahr der spätere Vereinsvorsitzende von der Noch-Existenz des ehemaligen Dampfers. Er suchte und fand Gleichgesinnte, gründete einen Verein zur Restaurierung von PRINZ HEINRICH und holte das Schiff in völlig desolatem Zustand von Rostock in seine Heimat Ostfriesland zurück. Mit der Gründung des Vereins und einer aufwändigen Sanierung begann neues Leben für die „Prinz Heinrich“.

Lang ist die Liste der Förderer und Sponsoren, die bei der denkmalgerechten Restaurierung halfen.

2013 wurde der Dampfer als „Kulturdenkmal der Bundesrepublik Deutschland“ unter Schutz gestellt.

Paul Kluge erzaehlt: „Bald traten weitere Mitglieder dem Verein bei, Fachleute aus dem Schiffbau, Liebhaber von Dampfmaschinen, Schifffahrtsenthusiasten. Sie alle brachten ihr Wissen und ihr Können ein, fanden Unterstützung bei der Meyer-Werft und anderen Unternehmen. 2018 war die Restaurierung abgeschlossen, die erste Fahrt des Dampfers ging natürlich nach Borkum.“

Heute sind Vereinsmitglieder damit beschäftigt, das Denkmal zu erhalten und zu pflegen. Und es gibt immer wieder Überraschungen, wie 2025, als Schwamm auf der Deckbeplankung festgestellt wurde. Auch hier halfen Sponsoren und viele fleißige Hände, die in monatelanger Arbeit das Holz auswechselten und dafür sorgten, dass DS „Prinz Heinrich“ im Mai 2026 wieder in See stechen konnte.l

Einige Schiffsdaten

Baujahr: 1909
Bauwerft: Meyer Werft, Papenburg
Länge/Breite/Tiefe: 37 m/7 m/ 1,80 m
Maschine: Antrieb durch zwei Dampfmaschinen von je 100 PS, die auf zwei Schiffsschrauben wirken. Die Dampfmaschinen werden mit Heizöl befeuert.
Vermessung: 212 BRT
Passagiere: bis zu 280 Personen

Fahrten: je nach Fahrplan auf der Ems Richtung Papenburg, Emden, Ditzum und Borkum.  Vereins-Mitgliedsbeitrag: 50 Euro pro Jahr für Privatpersonen

Aktuelle Termine und Tickets: https://prinz-heinrich-leer.de

Betreiber: Traditionsschiff Prinz Heinrich e.V.

Buchtipp: Udo Horn, Maritime Oldtimer, Mit 100-jährigen Schiffen auf Tour, Band 1: Deutschland, Österreich & Schweiz. Rostock 2022. ISBN 978-3-00-073387-1. www.maritime-momente.com

Udo Horn Schifffahrt

Udo Horn: Maritime Oldtimer

Weitere Informationen zur Geschichte, Technik oder anstehenden Ausflugsfahrten ab dem Liegeplatz in Leer gibt es auf der

Website des Vereins Traditionsschiff von 1909 Prinz Heinrich e.V.

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) unterstützt den Erhalt des historischen Dampfschiffs „Prinz Heinrich“ in Leer seit Jahren maßgeblich, zuletzt mit 100.000 Euro für die Sanierung des Holzdecks.

Ehemaliges Post- und Passagierschiff Prinz Heinrichin Leer. Foto: Deutsche Stiftung Denkmalschutz/Rossner

Die Recherche in Leer/Ostfriesland wurde unterstützt von Tourismus Niedersachsen GmbH.