Von Dieter Weirauch

Der erste Pfiff der Dampfpfeife geht durch Mark und Bein. Eine weiße Dampfwolke steigt über dem Museumshafen von Leer auf. Langsam setzt sich die fast 117 Jahre alte „Prinz Heinrich“ in Bewegung. Im Maschinenraum beginnen zwei gewaltige Kolben ihren ruhigen Takt. Im Maschinenraum  des Dampfschiffes sind die Maschinisten mit dem Umsetzen der per Schiffstelegraf vom Kapitän auf der Brücke übertragenen Befehle beschäftigt. Metall arbeitet, Ventile zischen, beide Schiffsschrauben greifen ins Wasser. Es riecht nach heißem Öl, Dampf und viel Historie. Viele der Passagiere lächeln. Manche schließen für einen Moment die Augen.

Denn genau so muss es geklungen haben, als der Dampfer 1909 auf seiner ersten Reise Kurs auf die Insel Borkum nahm. DS „Prinz Heinrich“ wurde auf der Werft Josef L. Meyer (Bau-Nr. 240) für die Borkumer Kleinbahn- und Dampfschiffahrts-Aktiengesellschaft in Emden als Doppelschraubendampfer „Prinz Heinrich“ Leer gebaut.

Nostalgische Fahrten auf der Ems

Wenn sich im Sommer vor allem an den Wochenenden heute im Museumshafen von Leer DS „Prinz Heinrich“ in Bewegung setzt, dann beginnt jedesmal eine Zeitreise. Das Schiff  gehört zu den letzten fahrfähigen Seebäderdampfern Deutschlands und steht als nationales Kulturdenkmal unter Denkmalschutz.

Blick in die originalgetreu restaurierte Kommandobrücke.

Nach Jahrzehnten im Liniendienst erfolgte 1958 von der AG Ems der Umbau auf Dieselantrieb, die ursprünglichen Dampfmaschinen wurden ausgebaut. Das Schiff trug fortan den Namen „Hessen“. 1970 außer Dienst gestellt, lag es als Museumsschiff „Mississipi“ für eine Überseeausstellung mehrere Jahre an der Trave in Lübeck und später in Rostock, wo die Verschrottung drohte.

Verein rettete den Dampfer

Erst die Gründung des „Traditionsschiff Prinz Heinrich e. V.“ durch beherzte Bürger  unter Ägide von Dr. Wolfgang Hofer im Jahr 2003 brachte die Wende.

In mehr als 60.000 ehrenamtlichen Arbeitsstunden wurde das Traditionsschiff restauriert und mit zwei  historischen, zur Bauzeit passenden Dampfmaschinen von je rund 100 PS, wieder zum Dampfschiff.  Damit begann ein neues Leben für die „Prinz Heinrich“.

2013 erhielt der Dampfer das Prädikat „Kulturdenkmal der Bundesrepublik Deutschland“ und genießt Denkmalstatus. 

Paul Kluge erinnert sich: „Bald traten weitere Mitglieder dem Verein bei, Fachleute aus dem Schiffbau, Liebhaber von Dampfmaschinen, Schifffahrtsenthusiasten. Sie alle brachten ihr Wissen und ihr Können ein. Wir fanden hilfreiche Unterstützer bei der Meyer-Werft und anderen Unternehmen. 2018 war die Restaurierung abgeschlossen.“ Die offizielle „Wiedergeburtstagsfeier“ fand auf der Meyer Werft in Papenburg statt. Die erste Fahrt des Dampfers ging dann nach Borkum.

Blick in den Maschinenraum, von wo aus die Dampfmaschinen „Zicke“ und „Betsy“ gesteuert werden. Maschinist Fokke Franzen gibt bereitwillig Auskunft.

Leer.Prinz.Heinrich Dampfmaschine

Blick in das von „Prinz Heinrich“

Für Freunde alter Technik ist der Besuch des Maschinenraums fast so faszinierend wie ein Blick in das Triebwerk einer Dampflokomotive. Die zwei liegenden Zweizylinder-Dampfmaschinen mit jeweils rund 100 PS treiben unabhängig voneinander die beiden Schiffsschrauben an. Der Dampf entsteht in einem ölbefeuerten (aus Dresden stammenden)  Kessel und wird über isolierte Leitungen zu den beiden Maschinen geführt. Dort setzen Kolben und Pleuel die Dampfkraft in eine gleichmäßige Drehbewegung um. Die heutigen Maschinen sind nicht die Originale von 1909. Sie wurden in Schottland gefunden, stammen aus der Zeit um 1900 (einst auf einer Werft im niederländischen Schiedamm gebaut)  und wurden aufwendig restauriert. Ihr gleichmäßiger Lauf, das Zischen des Dampfes und der Geruch von Öl machen den Maschinenraum zu einem Erlebnis für Technikfreunde. Gern lädt die Crew zu Besichtigungen in den Maschinenraum ein.

Beide Dreifachexpansions-Dampfmaschinen entstanden auf der niederländischen Werft Gusto in Schiedam.

Besonders eindrucksvoll ist das Zusammenspiel der beiden altehrwürdigen Aggregate. Die Maschinisten regulieren ihre Leistung mit großer Erfahrung. Die Ehrenamtler nennen ihre Maschinen liebevoll „Zicke“ und „Betsy“. Beim An- und Ablegen oder beim Manövrieren arbeiten beide Antriebe mit den jewieligen Schiffsschrauben oft unterschiedlich.

Ehrenamt mit Leidenschaft

Auf das Miteinander der Crew sind sie in Leer besonders stolz. Ob Maschinist, Kapitän, Decksmann, Mitarbeiterinnen in der Kombüse oder Kassenwart – alle investieren viel Freizeit in ihr Hobby. Viele bringen jahrzehntelange Erfahrung aus der Schifffahrt oder aus technischen Berufen mit.

Ohne dieses Engagement gäbe es die „Prinz Heinrich“ längst nicht mehr.

Der gesamte Fahrbetrieb wird auch heute von Ehrenamtlichen getragen. Nach dem Tod des langjährigen Vorsitzenden und dessen Nachfolger übernahm Paul Kluge den Vereinsvorsitz. Gemeinsam mit der Crew sorgt er dafür, dass der historische Dampfer nicht nur erhalten bleibt, sondern regelmäßig fährt.
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Von Leer aus werden während der Saison Emsfahrten, Touren Richtung Papenburg, Emden, Ditzum und – je nach Fahrplan – auch nach Borkum angeboten.

Vereinsvorstand Paul Kluge (86 Jahre).

Was bedeutet die „Prinz Heinrich“ für Sie?
Kluge: Sie ist ein lebendiges Stück Schifffahrtsgeschichte. Ein Schiff muss fahren – nur dann lebt es. Wenn die Maschinen ihren Rhythmus aufnehmen und der Dampf aus dem Schornstein steigt, wird Geschichte lebendig. Genau das begeistert unsere Gäste immer wieder.

Leer.Prinz.Heinrich Galerie Niedersachsen

Blick in einen von zwei Salonräumen, den man auch für Familienfeiern mieten kann.

Was zeichnet den Verein aus?
Kluge: Ohne unsere Ehrenamtlichen gäbe es dieses Schiff nicht. Jeder bringt sein Wissen und seine Zeit ein. Ein Beispiel: Kathi, unser jüngstes Mitglied, studiert an der  am Fachbereich Seefahrt und Maritime Wissenschaften der Hochschule Emden Leer  und hat ihre  Bachelorarbeit über unser beiden  Dampfmaschinen geschrieben. Unter den 500 Mitgliedern des Vereins sind viele Leeraner, aber auch an Technik und Schifffahrt Interessierte aus Belgien, der Schweiz und den Niederlanden. Der Mitgliedsbeitrag beträgt 50 Euro pro Jahr. Von Vorteil ist auch, dass wir erfahrene Kapitäne aus der aktiven Seefahrt und von der Seefahrtschule unter uns wissen.

Warum sollten Besucher mitfahren?
Kluge: Weil man Geschichte hier hören, riechen und erleben kann – nicht nur anschauen. Bei „Prinz Heinrich“ handelt es sich um ein schifffahrtsgeschichtlich besonders wertvolles, mittlerweile einmaliges Schiff in Deutschland. Es ist das älteste erhaltene Seebäderschiff Deutschlands. 

Lang ist die Liste der Förderer und Sponsoren, die bei der denkmalgerechten Restaurierung halfen. Und es werden ständig mehr.

Blick in die Kombüse.

Leer.Prinz.Heinrich (Dampfschiff Niedersachsen

Heute sind Vereinsmitglieder damit beschäftigt, das Denkmal zu erhalten und zu pflegen. Und es gibt immer wieder Überraschungen, wie 2025, als Schwamm auf der Decksbeplankung festgestellt wurde. Auch hier halfen Sponsoren und viele fleißige Hände, die in monatelanger Arbeit das Holz auswechselten und dafür sorgten, dass DS „Prinz Heinrich“ im Mai 2026 wieder pünktlich in See stechen konnte. Mehrere Hunderttausend Euro und etwa 1400 ehrenamtliche Arbeitsstunden kostete die Erneuerung des Decks, 220 Quadratmeter Schiffsplanken wurden von Hand verlegt.

Leer.Prinz.Heinrich Galerie Niedersachsen

Auch ein Postamt gibt es an Bord. Wie schon vor über hundert Jahren können Fahrgäste Briefe und Postkarten an Bord aufgeben. Jede Sendung erhält den seltenen Schiffspoststempel der „Prinz Heinrich“ – eine kleine Erinnerung an die Zeit, als der Dampfer täglich die Verbindung zwischen dem Festland und Borkum sicherte.

Tee Leer Ostfriesland Niedersachsen

 

Kleines Detail: Da „Prinz Heinrich“ als unter Denkmalschutz stehendes Schiff über kein Bugstrahlruder verfügt, hilft beim An- oder Ablegemanöver oftmals der Opduwer „Mirjan“ des Museumshafens. Dem Museumshafen benachbart befindet sich auch der Liegeplatz von „Prinz Heinrich“an der Ufer-Promenade des Ernst-Reuter-PlatzesLeer.Prinz.Heinrich (Dampfschiff Niedersachsen

Einige Schiffsdaten des Doppelschraubendampfers

Baujahr: 1909
Bauwerft: Meyer Werft, Papenburg
Länge/Breite/Tiefe: 37 m/7 m/ 1,80 m
Maschine: Antrieb durch zwei Dampfmaschinen von je 100 PS, die auf zwei Schiffsschrauben wirken. Die Dampfmaschinen werden mit Heizöl befeuert. Zwei Stromgeneratoren liefern Elektroenergie.
Vermessung: 212 BRT
Passagiere: bis zu 100 Personen

Namensgeber ist Albert Wilhelm Heinrich Prinz von Preußen (1862-1929), Großadmiral der Kaiserlichen Marine.

Fahrten: je nach Fahrplan auf der Ems Richtung Papenburg, Emden, Ditzum und Borkum.

Aktuelle Termine und Tickets findet ihr hier: https://prinz-heinrich-leer.de

Betreiber: Traditionsschiff Prinz Heinrich e.V.

Lesetipp (Juni 2026) – Ostfriesland Magazin titelte „Der Prinz ist zurück“. 

Buchtipp: Udo Horn, Maritime Oldtimer, Mit 100-jährigen Schiffen auf Tour, Band 1: Deutschland, Österreich & Schweiz. Rostock 2022. ISBN 978-3-00-073387-1. www.maritime-momente.com

Udo Horn Schifffahrt

Udo Horn: Maritime Oldtimer

Weitere Informationen zur Geschichte, Technik oder anstehenden Ausflugsfahrten ab dem Liegeplatz in Leer gibt es auf der

Website des Vereins Traditionsschiff von 1909 Prinz Heinrich e.V.

Tee Leer Ostfriesland Niedersachsen

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) unterstützt den Erhalt des historischen Dampfschiffs „Prinz Heinrich“ in Leer seit Jahren maßgeblich, zuletzt mit 100.000 Euro für die Sanierung des Holzdecks.

Ehemaliges Post- und Passagierschiff Prinz Heinrich im Museumshafen von Leer. Foto: Deutsche Stiftung Denkmalschutz/Rossner

Die Recherche in Leer/Ostfriesland wurde unterstützt von Tourismus Niedersachsen GmbH.