Von Jörg Berghoff

„Steig auf“, sagt die Schildkröte. Sie steht regungslos auf einem befestigten Vorsprung der Zitadelle von Namur. Bronze glänzt in der Sonne, auf ihrem Panzer sitzt ein Mann. Jan Fabres monumentale Skulptur „Searching for Utopia“ blickt weit über die Dächer der wallonischen Hauptstadt hinweg. Von hier oben sieht man, wie sich die Flüsse Sambre und Maas treffen, sich verwinkelte Gassen durch die Altstadt ziehen und Kirchtürme zwischen Baumkronen hervorragen. „Die Menschen hier haben es nicht eilig“, flüstert die Schildkröte. „Vielleicht mögen sie mich deshalb so gern.“ Tatsächlich scheint Namur auf den ersten Blick eine Stadt zu sein, die sich dem Tempo der Gegenwart widersetzt. Keine Metropole, die laut um Aufmerksamkeit ringt, eher ein Ort, der Besucher Schritt für Schritt verführt. Mit Geschichte, mit Kunst und mit einer überraschend lebendigen Kulturszene.

Der Künstler Jan Fabre hat die Schildkröte auf der Zitadelle erschaffen.

Der Künstler Jan Fabre hat die Schildkröte auf der Zitadelle erschaffen. Foto: Jörg Berghoff

Imposante Festung

Die Schildkröte lächelt stumm. „Schau genauer hin.“ Von der Esplanade der Zitadelle aus liegt die Stadt wie ein aufgeschlagenes Bilderbuch zu Füßen. Die mächtige Festungsanlage gilt als eine der bedeutendsten und größten in Europa. Napoleon nannte sie den Termitenhügel Europas. Über Jahrhunderte wurde sie von Burgundern, Spaniern, Österreichern, Franzosen und Niederländern ausgebaut. Bis heute prägen gewaltige Mauern, Bastionen und Kasematten das Bild des Hügels über der Stadt. Besonders faszinierend ist das weit verzweigte Netz unterirdischer Gänge, das sich über Kilometer durch den Felsen zieht und Besuchern einen beinahe surrealen Blick in die militärische Vergangenheit Namurs eröffnet. Während draußen Vogelstimmen und Wind zu hören sind, herrscht in den Gängen eine fast sakrale Stille. Kalte Steinwände, gedämpftes Licht, enge Tunnel. Hier wird Geschichte körperlich erfahrbar. Wer aus der Dunkelheit wieder ans Tageslicht tritt, erlebt die Stadt mit anderen Augen.

 

Digitale Kunst

Nur wenige Schritte entfernt zeigt sich Namur von seiner futuristischen Seite. Auf der Esplanade erhebt sich „Le Pavillon“, ein spektakuläres Ausstellungszentrum für digitale Kunst, Design und technologische Innovation. Seine markante Architektur wirkt wie ein gelandetes Raumschiff zwischen historischen Mauern und erinnert daran, dass Kultur in Namur nicht nur bewahrt, sondern weitergedacht wird. Überhaupt ist Kunst in Namur nicht an Museumswände gebunden. „Manchmal versteckt sie sich“, flüstert die Schildkröte. Versteckt wurden auch im Jahre 2022 die Augen des Reiters der Schildkröte mit einem schwarzen Tuch, als der Künstler zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Diese symbolische Aktion im öffentlichen Raum blieb für die Dauer seiner Strafe bestehen. Für viele Bewohner/innen Namurs sind sowieso Josef, Franz und die zwei Schnecken am Place d´Armes das echte Wahrzeichen Namurs.

Dem Maler Felicien Rops ist ein ganzes Museum gewidmet.

Der Pavillon ist ein digitales Museums- und Innovationszentrum.

Die kleinen grauen Männer

Die kleinen Figuren Isaac Cordals sind in der ganzen Stadt verteilt.

Die kleinen Figuren Isaac Cordals sind in der ganzen Stadt verteilt. Foto: Jörg Berghoff

Mit Versteckspielen ist das in Namur so eine Sache. Unten in der Altstadt begegnet man den winzigen Figuren des Street-Art-Künstlers Isaac Cordal. Seine Installationen zeigen kleine Männer in Anzügen, die verloren auf Mauerkanten stehen, aus Ritzen hervorschauen oder scheinbar resigniert auf Betonvorsprüngen sitzen. Wer dem Parcours folgt, wird zum Entdecker. Die ein wenig melancholischen Kunstwerke sind oft nur wenige Zentimeter groß. Und gerade deshalb zwingen sie dazu, die Stadt langsamer wahrzunehmen. Plötzlich bleibt man stehen. Vor einer Regenrinne, an einer Brüstung. Unter einem Fenster. Und man spürt: Namur belohnt Aufmerksamkeit mit unerwarteten Entdeckungen.

Modernes Kulturzentrum

Dieses Prinzip gilt auch für „Le Delta“, das moderne Kulturzentrum am Ufer der Maas. Das Gebäude mit seinen markant schrägen und geschwungenen Dachlinien hat sich in wenigen Jahren zu einem kulturellen Herzstück der Stadt entwickelt. Zahlreiche Ausstellungen, Konzerte, Literaturveranstaltungen, Workshops und Begegnungen schaffen einen offenen Raum für zeitgenössische Kultur. Die großen Fenster holen die Stadt hinein, während Besucher gleichzeitig den Blick auf das Wasser genießen. Hier begegnen sich Studenten, Familien, Künstler, Gäste und Flaneure wie ganz selbstverständlich.

 

 

 

Freigeist und Ästhetik

Nur wenige Gassen entfernt wartet einer der bekanntesten Söhne Namurs: Félicien Rops. Der 1833 geborene Künstler, Karikaturist und Symbolist war Provokateur, Freigeist und Meister der grafischen Verführung. Sein Museum befindet sich in einem ehemaligen Stadtpalais im historischen Zentrum und widmet sich auf rund 700 Quadratmetern seinem ebenso faszinierenden wie kontroversen Werk. Zwischen Lithografien, Zeichnungen, Briefen und Gemälden entfaltet sich das Porträt eines Künstlers, der gesellschaftliche Konventionen stets infrage stellte und damit seiner Zeit weit voraus war. Wer anschließend durch die Altstadt schlendert, entdeckt weitere kulturelle Schätze. Dazu gehört das Museum der Dekorativen Künste „Les Bateliers“, das in einem eleganten Patrizierhaus untergebracht ist. Hier erzählen Möbel, Silberarbeiten, Glasobjekte und kunsthandwerkliche Kostbarkeiten von den wechselnden Stilen und Lebenswelten vergangener Jahrhunderte. Es ist kein großes Museum, aber eines, das jene intime Nähe schafft, die man in berühmteren Häusern oft vermisst. „Kultur muss nicht laut sein“, bemerkt die Schildkröte. Recht hat sie.

Dem Maler Felicien Rops ist ein ganzes Museum gewidmet.

Dem Maler Felicien Rops ist ein ganzes Museum gewidmet. Foto: Jörg Berghoff

Kulinarische Genusskultur

Das gilt auch für die kulinarische Szene, die sich in Namur mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit entwickelt hat. In einer kleinen Werkstatt erfüllt der Duft von Kakao die Luft. Die Schokoladen-Manufaktur Sigoji produziert handwerklich gefertigte Pralinen und Schokoladenkreationen, deren Qualität weit über die Stadtgrenzen hinaus geschätzt wird. Belgische Schokolade ist ohnehin ein Versprechen. Bei Sigoji wird daraus eine sehr persönliche Geschichte. Jeder Bissen erzählt von Sorgfalt, Herkunft und Leidenschaft, stammt die Inhaberin Euphrasie Mbamba doch aus Kamerun und bezieht noch immer von der dortigen Familienplantage ihre Kakaobohnen. Am Abend führt der Weg schließlich ins Restaurant Les Potes au Feu. Schon der Name klingt nach Freundschaft und Geselligkeit. Die Atmosphäre ist entspannt, fast familiär. Auf den Tellern landen regionale Produkte, kreativ interpretiert und ohne unnötige Effekthascherei. Hier wird gekocht, um Genuss zu erzeugen, nicht um Trends zu bedienen. Durch die Fenster dringt das warme Licht auf die Straße. Menschen lachen. Gläser klirren. Draußen wird es langsam dunkel.

Vielfalt und Gelassenheit

Zur gleichen Zeit sitzt die bronzene Schildkröte noch immer hoch oben auf der Zitadelle. Auf der Suche nach der Utopie blickt sie über eine Stadt, die ihre besondere Stärke längst gefunden hat: Sie muss niemandem etwas beweisen. Namur lebt nicht von Superlativen. Die Stadt verführt durch ihre Mischung aus großer Geschichte und zeitgenössischer Kreativität, durch kulturelle Vielfalt auf engem Raum und durch eine Gelassenheit, die in vielen europäischen Städten selten geworden ist. Bevor man abreist, lohnt sich ein letzter Blick von der Zitadelle. Die Maas glitzert im Abendlicht, die Dächer leuchten kupferfarben, und irgendwo zwischen den Gassen wartet vielleicht noch eine der kleinen Figuren von Isaac Cordal darauf, entdeckt zu werden. „Na?“, fragt die Schildkröte. „Hast Du Namur verstanden?“ Ja, denn Namur ist keine Stadt, die man einfach besichtigt. Namur ist eine Stadt, die man mit Bedacht entdeckt. Und genau darin liegt ihre Utopie: Mit Bedacht und Augenmaß die Zukunft gestalten.

Weitere Informationen

Visit Wallonia: www.visitwallonia.de

Visit Namur:  www.namurtourisme.be/de

Übernachten:

Elegant und direkt am Fluss gelegen ist das Mercure Hotel Namur: https://all.accor.com/hotel/B2T4/index.fr.shtml

Essen und Trinken:

Schokoladen-Manufaktur Sigoji Namur, www.sigoji.com/en/welcome/1036-sigoji-namur.html

Restaurant Les Potes au Feu: www.lespotesaufeu.be

Sehenswürdigkeiten:

Zitadelle Namur: https://citadelle.namur.be/de

Kulturzentrum Le Delta: www.ledelta.be

Museum Félicien Rops: www.museerops.be

Text/Fotos: Jörg Berghoff