Im 19. Jahrhundert wählten zahlreiche Photographen die gleichen Motive wie die Maler des Impressionismus: Den Wald von Fontainebleau, die Steilküste von Étretat oder die moderne Metropole Paris. Auch sie studierten die wechselnden Lichtsituationen, die Jahreszeiten und Wetterverhältnisse. Von Anfang an verfolgte die Photographie durch Erprobung von Komposition und Perspektive sowie mit Hilfe unterschiedlicher Techniken einen künstlerischen Anspruch. Ihr Verhältnis zur Malerei war bis zum Ersten Weltkrieg sowohl von Konkurrenz als auch von Einflussnahme geprägt. Die Ausstellung im Museum Barberini untersucht mit über 150 Werken die Photographie um 1900 auf ihrem Weg zu einer autonomen Kunstform und beleuchtet ihr komplexes Verhältnis zur impressionistischen Malerei. Eine spektakuläre Ausstellung stezt sich jetzt mit den Beziehungen von Fotographie und Malerei, vor allem in Frankreich, auseinander.

Das neue Medium der Photographie war zugleich Teil der industriellen Revolution und Beginn der modernen Wissensgesellschaft. Auf den Weltausstellungen wurde es einem internationalen Publikum vorgestellt. Die photographischen Aufnahme- und Reproduktionstechniken bedienten sowohl den zeitspezifischen Blick als auch den enzyklopädischen Dokumentationswillen: Die Möglichkeit, mit Photographien Sammlungen beliebiger Themengebiete anzulegen, entsprach dem neuen Bedürfnis, Wissen zugänglich zu machen und zu archivieren. Wie die umgestalteten Stadtzentren von Paris, London, Wien oder München im Historismus der Architektur, so brachte auch das neue Medium Tradition und Moderne zusammen: Museen, Bibliotheken und Archive entstanden, Reisebeschreibungen, Vermessung und Kartierung prägten das Zeitalter. Parallel zur Soziologie entstand neben dem Gesellschaftsroman des literarischen Realismus die Sozialreportage in der Photographie. Die sich ausdifferenzierenden Naturwissenschaften beschrieben die Gegenwart.

Lever du soleil sur la neige
[Champ, neige, meule de foin, lever du soleil], Antonin PERSONNAZ, Entre 1907 et 1936. – 1 photographie positive transparente : verre autochrome, couleur ; 9 x 12 cm

Barberini Impressionisten

Photographie – eine neue Kunst?

Was lag somit näher, als die Exaktheit der Photographie zu nutzen? Sollte sich gar das neue Medium zu mehr als einer Hilfswissenschaft der Malerei entwickeln? Zum ersten Pariser Salon, auf dem auch Photographien ausgestellt wurden, schrieb Charles Baudelaire 1859 eine vernichtende Kritik. In einem fiktiven Streitgespräch ließ er einen Photographen sagen: „Ich will die Dinge so wiedergeben, wie sie sind, oder besser: wie sie wären, wenn ich nicht da wäre.“ Dagegen setzte Baudelaire die Antwort eines Malers aus der von ihm favorisierten „Gruppe der Phantasiereichen“: „Ich möchte die Dinge durch meinen Geist erleuchten und ihren Widerschein auf die anderen Geister abstrahlen.“

Bords de mer [plage avec bateaux, petits voiliers, falaises à Etretat, Normandie], Louise DEGLANE. – 1 photographie positive transparente : verre autochrome, couleur ; 9 x 12 cm

Ortrud Westheider, Direktorin des Museums Barberini: „Die Impressionisten widmeten ihre Malerei dem Augenblick. Ihre Malerei war pure Gegenwart, die individuelle Reaktionen auf im Wechsel begriffene Licht- und Wetterphänomene thematisierte. Das machte sie zu Verbündeten der Photographen.“ Dabei wählten die frühen Photographen die gleichen Motive wie die Impressionisten und studierten die wechselnden Lichtsituationen, Jahreszeiten und Wetterverhältnisse. „In der Ausstellung Eine neue Kunst im Museum Barberini kann man dieses Wechselspiel zwischen Photographie und Malerei nun erleben“, so Ortrud Westheider weiter.

Kooperation zweier Häuser mit Schwerpunkt Impressionismus

Das 2017 eröffnete Museum Barberini zeigt mit Eine neue Kunst. Photographie und Impressionismus erstmals eine Ausstellung mit Photographien. Ausgangspunkt für dieses Thema ist die Sammlung impressionistischer und postimpressionistischer Gemälde des Museumsstifters Hasso Plattner, die seit September 2020 dauerhaft in Potsdam präsentiert wird und zahlreiche Anknüpfungspunkte bei Künstlerinnen und Künstlern wie Gustave Caillebotte, Claude Monet und Berthe Morisot bietet.

Dr. Ortrud Westheider und Mäzen Hasso Plattner vor Monets Seerosen, Foto: D.Weirauch

Dr. Ortrud Westheider und Mäzen Hasso Plattner vor Monets Seerosen, Foto: D.Weirauch

Das Von der Heydt-Museum, das in Kooperation mit dem Museum Barberini die Schau vom 2. Oktober 2022 bis 8. Januar 2023 in Wuppertal zeigt, gehört zu jenen Häusern, die schon früh impressionistische Kunst sammelten und damit nicht nur in Deutschland, sondern in Europa Zeichen setzten.

Zu den Ausstellungen in Potsdam und Wuppertal erscheint bei Prestel, München ein Katalog.

Eine neue Kunst. Photographie und Impressionismus, hier kann man Eintrittskarten für das Barberini buchen.