Von Jörg Berghoff
Es lohnt wieder nach Halle/Saale zu fahren. Eine sehenswerte Sonderausstellung ist im dortigen Landesmuseum für Vorgeschichte zu sehen.
Titel: „Die Schamanin“
Ausgehend von den neuesten Forschungsergebnissen zur außergewöhnlichen Bestattung der Schamanin von Bad Dürrenberg wird in der Schau den frühesten Hinweisen auf das Phänomen des Schamanismus nachgegangen.
Neue Erkenntnisse zur Schamanin von Bad Dürrenberg
Das etwa 9000 Jahre alte Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg (Saalekreis) ist einer der spektakulärsten Fundorte der mitteleuropäischen Archäologie der letzten Jahrzehnte. Bereits 1934 unter großem Zeitdruck ausgegraben, konnten bei Nachuntersuchungen am Fundort ab 2019 Reste der Grabgrube gesichert und als Block geborgen unter Laborbedingungen untersucht werden. Im Zuge dieser Analysen gab das Grab eine ganze Reihe neuer Erkenntnisse preis. So gelang der mikroskopische Nachweis von Federn, die zu einem aufwendigen Kopfschmuck gehörten. In der Mittelsteinzeit wurde hier eine 30- bis 40-jährige Frau begraben und ein ungefähr sechs Monate altes Kind in ihren Armen. Unter anderem zeigen ein Kopfschmuck aus Rehgeweih und Tierzahngehänge die besondere Stellung der Toten als Schamanin, als spirituelle Anführerin ihrer Gruppe.

Landesarchäologe Professor Dr. Harald Meller Foto: Jörg Berghoff
Seit Dezember 2019 fanden in Vorbereitung der Landesgartenschau im Kurpark von Bad Dürrenberg Ausgrabungen im Bereich der Fundstelle des Grabs der Schamanin statt. Da die ursprüngliche Ausgrabung nur durch einen schmalen Graben erfolgt war, blieben Teile der Grabgrube unangetastet. Zahlreiche 1934 übersehene Funde konnten geborgen und der Grabgrubenrest von einer internationalen Forschergruppe mit neuesten naturwissenschaftlichen Methoden untersucht werden. Das Grab von Bad Dürrenberg gilt mittlerweile als einer der bestuntersuchten Befunde der mitteleuropäischen Archäologie. Nun liegen neue Erkenntnisse zu einer Fundgruppe vor, die normalerweise in Bestattungen aufgrund ihrer Vergänglichkeit nicht zu erfassen ist: Es handelt sich um Federn.
Federreste im Grab der Schamanin
Es wird zwar weithin angenommen, dass in Teilen der Vorgeschichte Federn eine bedeutende Rolle als Schmuck an Kleidungsstücken oder Kopfbedeckungen gespielt haben, doch ist der Nachweis schwierig. Denn unter normalen Erhaltungsbedingungen zersetzen sie sich im Boden. Unter dem Mikroskop konnten tatsächlich Federfragmente festgestellt werden. Besonders interessant ist der Nachweis von Gänsefedern im Kopfbereich der Schamanin. Sie stammen wohl von einem Kopfschmuck. Neben dem Grab der Schamanin spielen Federn noch in einem weiteren Befund eine Rolle. Dem eigentlichen Grab vorgelagert war bei den Nachgrabungen eine Grube entdeckt worden, die zwei Geweihmasken enthielt. Unmittelbar vor der Grabgrube wurde eine weitere Grube entdeckt, die wohl etwa 600 Jahre nach der Bestattung angelegt worden war. Sie wurde ebenso im Block geborgen und in den Werkstätten des Landesmuseums untersucht. Dabei gelang eine überraschende Entdeckung: Die Grube enthielt zwei aus Hirschgeweihen hergestellte Masken. Offenbar war die Schamanin so bedeutend, dass man an ihrem Grab noch Jahrhunderte nach ihrem Tod wertvolle Gaben niederlegte. Die Untersuchung auf Federn ergab in einer Probe, die direkt an einer der Masken genommen worden war, den Nachweis von Singvogelfedern aus der Familie der Sperlingsvögel und der Hühnerartigen wie Auerhuhn, Birkhuhn und Moorschneehuhn. An der zweiten Maske konnte zudem ein Rest von Bastfasern festgestellt werden. Auch hier zeigt sich somit, dass die Hirschgeweihe Teil aufwendiger, wohl maskenartiger Kopfschmucke waren.

Die Schamanin in vollem Kopf- und Federschmuck in einer künstlerischen Darstellung. Foto: Jörg Berghoff
Ausstellung „Die Schamanin“
Ein großer Teil der Ausstellung widmet sich zudem der Mittelsteinzeit als wichtiger Phase der kulturellen menschlichen Entwicklung, die viel mehr ist als nur ein Intermezzo zwischen dem Ende der Eiszeit und dem Beginn des Neolithikums. Nie zuvor wurde in Mitteleuropa eine vergleichbar aufwendige Sonderausstellung zum urgeschichtlichen Schamanismus und zur Mittelsteinzeit gezeigt. In einer gelungenen Inszenierung werden auf 900 Quadratmetern beeindruckende und wissenschaftlich hochrangige Exponate aus zahlreichen internationalen Sammlungen, darunter aus Israel, Schweden, Dänemark, Estland, Finnland, England, Serbien, Italien und Spanien präsentiert. Sie führen von den allerersten Anfängen der Religion bis zu der spirituellen Spezialistin von Bad Dürrenberg. Zugleich zeichnet die Schau ein Lebensbild der mesolithischen Epoche, die von enormen Herausforderungen durch den Beginn der Warmphase geprägt war. Die Ausstellung „Die Schamanin“ lädt ein bis zum 1. November 2026 im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale).
Weitere Informationen unter www.ausstellung-schamanin.de

Vorderansicht des Landesmuseums für Vorgeschichte in der Richard-Wagner-Straße in Halle. Foto: Jörg Berghoff
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