Hans-Herbert Holzamer, Die Vertriebenen. Der Verlust und das Finden der Heimat in Osteuropa. 2026.

Bei unseren Reisen nach Polen treffen wir immer wieder, und in den letzten Jahren verstärkt, auf wiederentdeckte deutsche Inschriften an Gebäuden, auf restaurierte Grabsteine (u.a. Stettin) und auf eteilweise akribisch dokumentierte Unternehmer- und Fabrikgeschichte (Stoewer). Über das Interesse der Polen an die deutsche Geschichte ihres Heimatlandes wurde oft berichtet. Ich erinnere mich an Gespräche mit meinem Freund, dem Historiker Prof. Dr. Janusz Jasinski, der schon ende der 90er Jahre in der Gegend Masuren und Ermland sich für ein Miteinander von deutscher und polnischer Geschichte (am Beispiel von Gedenksteinen auf deutschen Friedhöfen) eingesetzt hat. Erst jüngst macht ein polnischer Unternehmer in Stettin von sich reden, der den Bismarckturm restauriert und öffentlich zugänglich macht.

Sein Werk „Die Vertriebenen“ behandelt die Situation der deutschen Heimatvertriebenen nach dem Zweiter Weltkrieg. Dabei geht es vor allem um: die Flucht und Vertreibung von Millionen Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten, die schwierige Integration in die Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik, politische und moralische Fragen rund um Schuld, Erinnerung und Anspruch auf Heimat. Der erfahrene Journalist (u.a. die Welt, Stern und Holzamer Medien) schreibt aus einer Perspektive, die versucht, Verständnis für das Schicksal der Vertriebenen zu schaffen, ohne den historischen Kontext – insbesondere die Ursachen im Krieg und Nationalsozialismus – auszublenden. Inhaltlich ordnet sich das Thema in die größere Geschichte der Vertreibungen im Zusammenhang mit der Potsdamer Konferenz ein, bei der die Neuordnung Europas und damit auch die Verschiebung von Grenzen beschlossen wurde. Das Buch lässt sich als Reflexion über Erinnerungskultur im 21. Jahrhundert lesen. Holzamer greift das historische Thema der Vertreibung nach dem Zweiter Weltkrieg auf, aber nicht primär, um Ereignisse zu dokumentieren, sondern um zu zeigen, wie sich der Blick darauf verändert hat.

Holzamer definiert anhand eines fiktiven Interviews mit der Enkelin einer polnischen Familie und ihres deutschen Pendants weniger das  „Was geschah?“ sondern bringt die Beantwortung der Frage „Wie erinnern wir uns heute daran?“ ein. Wichtige Interpretationsansätze: Holzamer stellt die Spannung zwischen persönlicher Erinnerung und historischer Einordnung heraus. Individuelle Erfahrungen der Vertriebenen erscheinen oft emotional und identitätsstiftend. Wichtig ist die Generationenperspektive.  Da das Werk 2025 erschien, stehen nicht mehr die Zeitzeugen selbst im Mittelpunkt, sondern: deren Kinder und Enkel, die Frage, wie Erinnerung weitergegeben oder verändert wird. Holzamer zeigt, dass das Thema „Vertriebene“ auch heute noch politisch aufgeladen ist. Er erinnert an die Rolle des Breslauer Bischofs Kominek (wir berichteten darüber auf einfachraus). Holzamer unterstreicht  die Bedeutung des Briefes, in dem der Breslauer Erzbischof Bolesław Kominek, gebürtiger Schlesier, den berühmten Satz „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ schrieb. Diese Botschaft wurde zur Inspiration für eine neue Perspektive in den Beziehungen zwischen den Nationen, insbesondere zwischen Polen und Deutschen, und wies den Weg zu Dialog und gegenseitigem Respekt. Sie war auch der Beginn der Suche nach gegenseitigem Verständnis nach dem Zweiten Weltkrieg und wurde – ungeachtet der Teilung Deutschlands und des Eisernen Vorhangs, der Europa in einen demokratischen Westen und einen kommunistischen Osten teilte – zu einem Fundament des später vereinten Europas.  Ergo: „Die Vertriebenen“ ist weniger ein klassisches Geschichtsbuch als ein essayistisch-reflektierendes Werk über Erinnerung, Identität und Verantwortung.

Mit seinen 80 Jahren schreibt der Autor in einer Zeit, in der: die Erlebnisgeneration fast verschwunden ist, Erinnerung zunehmend kulturell und politisch verhandelt wird. Erinnert sei an das buch „In den Häusern der anderen“. Holzamer schlägt hier einen emotionalen Brückenbogen.

Blick ins Buch: Anna: Du willst also über mich ein Buch schreiben?
Ja, Anna Kowalski, Du bist eine der Hauptpersonen.
Anna: Aber warum? Was macht mich besonders?
Nichts macht Dich besonders, aber Du stehst für Zigtausende.
Anna: Und warum dann ein Buch gerade über mein Schicksal?
Weil dieses Buch noch nicht geschrieben wurde, jedenfalls nicht auf Deutsch.
Anna: Es gibt das Buch von Andrzej Mularczyks „Sami swoi“.
Das heißt auf Deutsch?
Anna: „Wir sind unter uns“. Auf Deutsch gibt es das Buch von Karolina Kuszyk „In den Häusern der anderen“. Mehr weiß ich nicht. Vielleicht, weil das Thema nicht interessant ist.
Ich denke schon, dass es interessant ist, nie ist beschrieben worden, wie Polen, selbst vertrieben, in Wohnungen geraten, aus denen sie die bisherigen Bewohner vertreiben, vertreiben müssen.
Anna: Verstehe doch: Vielleicht ist es zu schmerzhaft für alle Beteiligten. Wir Polen turnen auch herum in der Begrifflichkeit des Geschehenen, sagen postdeutsch, poniemieki, reden von den wiedergewonnen Gebieten, mal vom Wilden Westen, von Westgebieten, vom postdeutschen Polen. Es ist nun mal alles deutsch unter den Schichten, die wir in den 80 Jahren draufgelegt haben, auch wenn wir vorher alles abgekratzt haben.
Mag sein, aber der Schmerz und die Irritationen gehen nicht fort, wenn darüber nicht geredet wird, wenn sie unter Scham und Schweigen begraben werden und wenn nicht das gemeinsame Schicksal gesehen wird. Der Vertreibende und der Vertriebene haben ein gemeinsames Schicksal. Das Gemeinsame versöhnt, das Trennende hält die Wunde offen.“

Aus dem Vorwort

„Ein ganzes Jahrhundert musste vergehen, ehe die alten Worte und Werte von Nachbarschaft und Region wieder Leben gewinnen. Polen und Deutsche, Polen und Litauer, Deutsche und Litauer, Polen und Ukrainer, Finnen, Esten, Letten auf der einen, Russen auf der anderen Seite, Finnen und Schweden und wer auch immer, haben sich nicht stets gehasst. Lange haben sie in erträglicher Nachbarschaft gelebt, durcheinander, miteinander in vielfältig verwobener Mischpoke. Wie viele Brandopfer und Ruinen mussten wir sehen, in wievielen schwer passierbaren Grenzen und wiederfinden, bevor wir nun erneut lernen und lernen müssen, in Nachbarschaft zu leben, mit allen Unterschieden und miteinander, so wie unsere Vorfahren miteinander lebten.Cover Die Vertriebenen Hans-Herbert Holzamer

Solche Nachbarschaft kennen heißt ihre Vergangenheit kennen. Jeder Bewohner eines Territoriums ist der materiellen und geistigen Kultur ausgesetzt, die seinem Gebiet innewohnt, und er wird von ihr geprägt. Kein Krieg kann dieses Gedächtnis zerstören. Erst wenn die Menschen, wo auch immer, das Gedächtnis ihrer Region mit ihren Biografien verbinden, werden sie Wurzeln schlagen, sich niederlassen, sich sicher und zu Hause fühlen und Heimat begründen. Erst dann werden sie Selbst-Bewusstein, Identität gewinnen. Ökonomische Orientierungen können schnell wechseln. Aber es dauert, ehe das Gedächtnis einer Region zur Symbiose findet mit dem Leben ihrer Bewohner.“ (Dr. Dietmar Albrecht, aus einem Beitrag zum Internationalen Colloquium „Ein Zentrum für die Vertreibung?“, 14. bis 16. März in der Akademie Sankelmark)

Hans-Herbert Holzamer, Die Vertriebenen. Der Verlust und das Finden der Heimat in Osteuropa. 2025, 20,20 Euro