In der lettischen Hauptstadt wurde vor über einhundert Jahren der beliebte Kabarettist Heinz Erhardt geboren. Auf einem Rundgang begegnet man einem jungen Mann im Zwiespalt zwischen Kunst und Kommerz.  Beitrag aus dem Jahr 2019

von Jörg Berghoff

„Oh je, noch´n Hunderter“ hätte er wahrscheinlich gesagt in seiner unnachahmlichen humoresken Leichtigkeit, die seine Zuhörer immer wieder gefangen nahm. Die Heinz Erhardt Fangemeinde feiert in diesem Jahr den einhundertsten Geburtstag des großen Kabarettisten, Musikers und Schauspielers, der am Abend des 20. Februar 1909 in Riga das Licht der Welt erblickte. Als „früh entwickelte Spätausgabe“ in einer Zeit „als Mütterchen Russland noch von Väterchen Zar beherrscht wurde“, wie er es einmal nannte. In Riga, der Hauptstadt der damaligen russischen Provinz Lettland, lebte eine baltendeutsche Minderheit, die sehr aktiv am Kulturleben der Stadt an der Daugava teilnahm, es sogar wesentlich gestaltete. Heinz Erhardts Familie spielte dabei eine wichtige Rolle, sein Großvater Paul Neldner führte nicht nur die größte Musikalienhandlung Rigas am Theater-Boulevard im Haus Nr. 2, er war auch Verleger, unterhielt eine Konzertagentur und trat als Sponsor vieler Kulturveranstaltung hervor. Opa Neldner war in Riga eine angesehene Persönlichkeit und nicht nur für den kleinen Heinz eine Respektsperson erster Güte. Sein Vater Gustav Erhardt war ein gefragter Kapellmeister, dirigierte an der Rigaer Oper, und sein Onkel Johan Jakob Erhardt während des 1. Weltkrieges gar für eine kurze Zeit Bürgermeister Rigas.

Die Lettische Nationaloper (Lettisch: Latvijas Nacionālā opera) ist ein Opernhaus in der lettischen Hauptstadt Riga. Das im Stil des Neoklassizismus erbaute Gebäude entstand zwischen 1860 und 1863 nach Entwürfen von Ludwig Bohnstedt (1822–1885).

Die Lettische Nationaloper (Lettisch: Latvijas Nacionālā opera) ist ein Opernhaus in der lettischen Hauptstadt Riga. Das im Stil des Neoklassizismus erbaute Gebäude entstand zwischen 1860 und 1863 nach Entwürfen von Ludwig Bohnstedt (1822–1885). Foto: Weirauch

Wurst, Noten und Käse

In der Nähe der Oper führte sein Opa Paul Neldner eine große Musikalienhandlung, heute steppt dort der Bär.

In der Nähe der Oper führte sein Opa Paul Neldner eine große Musikalienhandlung, heute steppt dort der Bär. Foto: Jörg Berghoff

Die Musik lag ihm also im Blut, sozusagen. Und der heranwachsende Heinz wünschte sich nichts sehnlicher, als später einmal als Komponist und Musiker seine Brötchen zu verdienen. Doch da hatte Opa Neldner etwas dagegen, und das schien eine unüberwindbare Klippe zu sein: Heinz wuchs nicht nur bei seinen Großeltern auf, weil sich seine Eltern kurz nach der Geburt trennten, er sollte auch später einmal die kaufmännische Leitung der Musikalienhandlung übernehmen. Welches er auch redlich unleidlich eine kurze Zeit ausführte, ohne sich auf Dauer mit dem Kaufmannsdasein zu arrangieren: „Völlig Wurst, ob man Noten oder Käse verkauft: billig einkaufen und teuer verkaufen.“ Auch wenn Opa Paul ihm eintrichterte: Heinz, du wirst Kaufmann, er wollte lieber komponieren. Auf einem Rundgang durch Riga mit Maik Habermann, Magister der Geschichte, Baltistik und Fennistik, kann man Häuser, Orte und Wirkungsstätten der Erhardts sehen, ohne Gedenktafeln, Souvenirverkauf und touristischem Schnickschnack, denn im Riga von heute kennt Heinz Erhardt kaum einer, auch wenn im Sommer im Goethe-Institut ein Erhardt-Abend veranstaltet wurde. Der Cottbuser Reiseleiter lebt jeweils ein halbes Jahr in Berlin und in Riga und hat bei der Erforschung der Erhardt´schen Familiengeschichte so manche Perle in Riga entdeckt.

Riga zwischen Jugendstil und Neuzeit

Mit ihren sehenswerten und liebevoll restaurierten Jugendstilgebäuden, einer malerischen Altstadt und den vielen Parkanlagen gehört die lettische Hauptstadt mittlerweile zum UNESCO Weltkulturerbe. Backsteinkirchen, Speicher und historische Holzbauten zeugen von der 800-jährigen Geschichte einer Stadt, die eine wichtige Station der Handelswege zwischen Berlin und St. Petersburg war. Riga ist in den letzten Jahren zu einem geschäftigen, modernen Zentrum herangewachsen und zum beliebten Touristenziel mit unzähligen Plätzen, Parks und gemütlichen Straßencafés avanciert.

Trotzdem ist Riga, mit über 720 000 Einwohnern die größte Stadt des Baltikums und drittgrößte Hafenstadt an der Ostsee, eine sehr gepflegte Metropole mit Charme geblieben. Auf den großen Boulevards, die noch die Namen der Zarenfamilien tragen, schlendern Einheimische und Gäste aus aller Welt an den vielen Boutiquen vorbei, in den Altstadtgassen sitzt man in den Straßencafés und genießt die Nachmittagssonne.

Riga.Lettland

Blick auf Okkupationsmuseum, Dom und Rathaus von Riga

Gleich hinter der „Cognactante“, wie Rigas Freiheitsdenkmal wegen der empor gestreckten drei Sterne respektlos genannt wird, steht jenes Haus, in dem einst Opa Neldner seine Pianos verkaufte. Der dort heute ansässige Opium Dance würde ihm allerdings eher die Zornesröte ins Gesicht treiben.

Dieses 1935 errichtete Denkmal aus Granit und Kupfer dient als Denkmal für die Letten, die im Kampf für die Unabhängigkeit des Landes ihr Leben ließen. Das berühmte Wahrzeichen erreicht eine Höhe von 42 Metern und besteht aus 56 verschiedenen Skulpturen.

Das 1935 errichtete Freiheitsdenkmal hat eine Höhe von 42 Metern und besteht aus 56 verschiedenen Skulpturen.

St. Peter-Kirche 0,26 Meilen / 0,42 km vom Hotel entfernt Diese 1209 erbaute lutherische Kirche verfügt über den höchsten Turm in Riga und bietet einen atemberaubenden Blick auf die Altstadt und den Fluss Daugava.

Die 1209 erbaute St. Peter-Kirche verfügt über den höchsten Turm in Riga und bietet einen atemberaubenden Blick auf die Altstadt und den Fluss Daugava.

Wege zum Glück

Gleich daneben im heutigen Hotel de Rome war das Café Otto Schwarz untergebracht, das zusammen mit dem Café Ernst Reiner, in dem heute ein Restaurant italienische Spezialitäten anbietet, zu den Lieblingsplätzen des jungen Heinz Erhardt in Riga gehörte. Im Riga der 30er Jahre gab es ein geflügeltes Wort, das vom späteren Dichter Heinz Erhardt stammen könnte: „Im Reiner ist der Kaffee schwarz, im Schwarz ist er reiner.“

In das ehemalige Deutsche Gymnasium in Riga ging Heinz Erhardt nur ungern, heute ist dort die Kunstakademie untergebracht.

In das ehemalige Deutsche Gymnasium in Riga ging Heinz Erhardt nur ungern, heute ist dort die Kunstakademie untergebracht.

Nach mehreren Umzügen, die er „Entführungen“ nannte, seine Eltern heirateten noch jeweils dreimal, versuchte er am deutschen Gymnasium in Riga, in der heute die Kunstakademie untergebracht ist, das Abitur abzulegen. Doch nach 15 Schulwechseln ging das schief, er schwänzte den Unterricht und schrieb lieber Gedichte: „In der Schule war klein Fortkommen, also machte ich, dass ich fort kam.“ Morgens durfte er zwar zum Schulbeginn die Orgel spielen, sonst aber fiel die Beurteilung seiner Lehrer eher weniger himmlisch aus: „Kann nicht im Zusammenhang sprechen, sehr weich, mathematische Lücken“ beschrieb ihn sein Klassenlehrer wenig charmant. Das ehemalige Schulhaus steht jedem Besucher offen, im Treppenhaus mit dunklem Marmor und bunten Glasfenstern weht noch heute der Duft der 20er Jahre. Opa Neldner nahm ihm den Schulabgang nicht übel, schickte ihn nach Leipzig zur Lehre und betraute ihn nach seiner Rückkehr mit ersten Arbeiten in der Musikalienhandlung, die er nach dem Tod des Opas 1929 erbte. Viel lieber schlich er sich hinüber ins Lettische Musikkonservatorium, dort wollte er bei Professor Jāzeps Vītols Komposition studieren, doch es war ihm nicht vergönnt.  Er arbeitete lustlos im Geschäft, schrieb und komponierte und trat mit humorvollen Abendprogrammen auf.

 

 

Detail RR 1931 Anonnce Waldpark Gartenfest mit Umfeld

Die Rigasche Rundschau vom Sommer 1931 kündigt Heinz Erhardt auf der Bunten Bühne des Waldfestes an. Repro: Berghoff

Der Rigaer Hausfrauenbund in der Friedensstraße in der Nähe des Stadtfriedhofes, dort ist das Familiengrab der rigaschen Erhardts zu sehen, war wohl seine erste Bühne, er trat in der Rigaer Liedertafel auf und gab Konzerte im Ausflugslokal „Zur lustigen Mücke“ in Kemeri nahe dem damals mondänen Ostseebadeort Jurmala vor den Toren Rigas.

Heinz Erhardt verbrachte mit seiner Frau gerne die Zeit an Rigas Hausstrand. Fußball hat er hier wohl nicht gespielt.

Heinz Erhardt verbrachte mit seiner Frau gerne die Zeit an Rigas Hausstrand. Fußball hat er hier wohl nicht gespielt. Foto: Jörg Berghoff

Dort hatten die Erhardts ein Sommerferienhaus, das aber nicht mehr zu finden ist. Mit seinem Vater als Dirigent stand er 1932 erstmals auf der Bühne des Deutschen Schauspiels in Riga als lustiger Tunichtgut Birnstiel, auch die Musik zu Operette hatte er geschrieben. Das Stück wurde in der Presse gefeiert.

Auch die russische Presse berichtete in der „Sewodja Vetscherom“ (Heute Abend) am 29. Februar 1932 über drei Generationen Rigaer Musikfamilientradition: links Opa Paul Neldner, Heinz Erhardt in der Mitte und rechts sein Vater Gustav Erhardt.

Auch die russische Presse berichtete in der „Sewodja Vetscherom“ (Heute Abend) am 29. Februar 1932 über drei Generationen Rigaer Musikfamilientradition: links Opa Paul Neldner, Heinz Erhardt in der Mitte und rechts sein Vater Gustav Erhardt.

Zwei Jahre später ereilte ihn auch das private Glück in Person von Gilda Zanetti. Die Tochter des italienischen Konsuls traf er in Parterre in einem Fahrstuhl, der noch heute zu sehen ist. „Wollen sie auch nach oben?“ flüsterte der schüchterne Heinz, sie nahm es ihm nicht übel und blieb für 45 Jahre an seiner Seite. Bis 1938 lebten er und seine Familie in bescheidenen Verhältnissen in Riga, bis Willy Schaeffers, der Altmeister des deutschen Kabaretts, Heinz Erhardt an das renommierte „Kabarett der Komiker“ nach Berlin engagierte. Der Durchbruch war damit geschafft.

Das einst berühmte Seebad Jurmala vor den Toren Rigas hat heute noch charmante Villen und Holzhäuser.

Das einst berühmte Seebad Jurmala vor den Toren Rigas hat heute noch charmante Villen und Holzhäuser. Foto: Jörg Berghoff

: Am schönen Walgumsee westlich von Riga verbrachte Heinz Erhardt mit seiner Frau gerne die Sommerfrische.

Am schönen Walgumsee westlich von Riga verbrachte Heinz Erhardt mit seiner Frau gerne die Sommerfrische. Foto: Jörg Berghoff

Ob im knallrot gestrichen Abgeordnetenhaus in der Jakobstraße 65 am Parlamentsgebäude, das bis 1939 den Erhardts gehörte, am Domplatz 61 gegenüber der Börse, selbst in der Gastronomie hat er seine Spuren hinterlassen.

Das Haus in der Jakob-Straße Nr. 16 gehörte der Erhardt-Familie, heute gehen Abgeordnete ein und aus.

Das Haus in der Jakob-Straße Nr. 16 gehörte der Erhardt-Familie, heute gehen Abgeordnete ein und aus. Foto: Jörg Berghoff

Das Kunstmuseum Rigaer Börse (lettisch Mākslas muzejs „Rīgas Birža“) hat seinen Sitz im Gebäude der ehemaligen Rigaer Börse am Domplatz, das von 1852 bis 1855 nach Plänen von Harald Julius von Bosse im Stil der Neorenaissance errichtet worden war.

Das Kunstmuseum Rigaer Börse (lettisch Mākslas muzejs „Rīgas Birža“) hat seinen Sitz im Gebäude der ehemaligen Rigaer Börse am Domplatz, das von 1852 bis 1855 nach Plänen von Harald Julius von Bosse im Stil der Neorenaissance errichtet worden war.

einfachraus war 2024 in Riga, hier erfahrt ihr mehr über die lettische Hauptstadt.

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Im kleinen lettischen Keller-Restaurant „Alte Jungfer mit Katze“ in der Altstadt bekommt man noch heute sein Leibgericht: „Komm morgen wieder“, Pfannkuchen mit Fleischfüllung.

Foto: Jörg Berghoff

Foto: Jörg Berghoff

Mit einem Ausflug an den Walgumsee, hier verbrachte Heinz Erhardt 1937 mit Familie und Vater „den glücklichsten Sommer meines Lebens“ und einer Fahrt auf dem Rigaer Stadtkanal mit „Darling“, dem 1907 in Berlin gebauten, holzvertäfelten Ausflugsboot mit Plüsch- und Plumeau-Sitzen, rundet man den Besuch Rigas auf den Spuren Heinz Erhardts ab.

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Auf einer Kanal- und Hafenrundfahrt mit der Darling kann man Riga vom Wasser aus entdecken.

Nicht ohne sich, zu Hause angekommen, der wenig bekannten klassischen Seite Heinz Erhardts zu widmen, denn er hat nicht nur Balladen, Präludien und Trauermärsche komponiert, sondern auch den „Riga Foxtrott“, den „Walzer eines Wahnsinnigen“ und den „Tanz der Nippfiguren“.

Trauriges Wiedersehen

Im Jahre 1938 verbrachte er mit seiner Familie das letzte Weihnachten in Riga, 1943 kam er im Rahmen der Truppenbetreuung nochmals zurück in seine Geburtstadt, ein trauriges Wiedersehen: „Mein Engelchen, begrabe Deine Sehnsucht nach Riga und freue Dich, das wir in Berlin leben dürfen“, schrieb er an seine Frau. Das würde er angesichts des hübschen Rigas von heute sicher anders ausdrücken: „Die Drossel amselt, und es finkt der Star: Ade, auf Wiedersehen (mein Riga) im nächsten Jahr!“ Die Ergänzung wird er uns verzeihen.

Riga.Lettland

Der Zentralmarkt Riga (lett.: Rīgas Centrāltirgus) ist der größte Lebensmittel­markt Lettlands. Er galt in den 1930er Jahren als der größte und modernste Markt Europas.

Hier erfahrt ihr, warum ein Riga-Besuch auch im Winter durchaus reizvoll ist.

Weitere Informationen zu Riga

Riga Touristeninformation im Schwarzhäupterhaus am Rathausplatz 6, geöffnet täglich von 10 – 19 Uhr, www.rigatourism.lv

Riga.Lettland Sehenswürdigkeiten

Das Schwarzhäupterhaus (lettisch: Melngalvju nams) auf dem Rathausplatz der lettischen Hauptstadt Riga (lettisch: Rīga) wurde 1334 als das „Neue Haus der Großen Gilde“ erstmals urkundlich erwähnt. Es diente sowohl den Kaufleuten als auch der vorwiegend deutschen Bürgerschaft Rigas für Zusammenkünfte.

Neues Jugendstilmuseum in der Alberta Straße 12. www.jugendstils.riga.lv

Jugendstil Riga

Das Jugendstilmuseum in der Alberta iela ist Montags geschlossen

Anreise: Mit günstigen Air Baltic-Flügen ab Berlin, Düsseldorf, Hamburg Hannover, München und täglich ab Frankfurt (ab 38,- € one way) in 2 Stunden nach Riga. www.airbaltic.com Am Rigaer Flughafen die grünen Taxis der Air Baltic nehmen, schützt vor Umwegen.

Unterkunft: Das Reval Hotel Elizabete ist zentral gelegen, bietet zeitgenössischen Chic und exklusives Ambiente zu vernünftigen. www.revalhotels.com

Valguma Pasaule, nettes Ferienhotel und Freizeitanlage am Walgumsee www.valgumapasaule.lv

Restaurant-Tipp: Im Vecmeita ar kaki kross, einem hübschen Kellerlokal in der Altstadt in der Marza Pils Iela 1, bekommt man sein Leibgericht „Komme morgen wieder“, leckere Pfannkuchen mit Fleischfüllung.

Heinz-Erhardt-Touren durch Riga rechtzeitig anfragen bei: Maik Habermann, Tel. +371-29747968 www.riga-tour.de

Literatur-Tipp: Rainer Berg, Norbert Klugmann „Heinz Erhardt – Die Biografie“, Lappan Verlag, ISBN 978-3-8303-3206-0, € 19,95.

Heinz Erhardt „Noch´n Gedicht“, Lappan Verlag, ISBN 978-3-8303-3046-2, € 8,95.

Musik-Tipp: „Heinz Erhardt mal klassisch – Klavierkompositionen 1925-1929“, Verlag Musiktotal, 35,- €,

©Text/Fotos: PRB, Pressebüro Jörg Berghoff, einige Fotos: Weirauch