Pünktlich zu ihrem 100. Geburtstag hat die polnische Hafenstadt Gdynia (deutsch: Gdingen) eine der höchsten internationalen Auszeichnungen erhalten: Das modernistische Stadtzentrum wurde im Juli 2026 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Damit besitzt Polen nun 18 UNESCO-Welterbestätten. Die Ehrung würdigt nicht mittelalterliche Gassen oder Schlösser, sondern eine außergewöhnlich geschlossene Stadtanlage des 20. Jahrhunderts – ein seltenes Beispiel für moderne Architektur und Stadtplanung von Weltrang. Noch vor gut hundert Jahren war Gdynia lediglich ein kleines kaschubisches Fischerdorf. Nach der Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit entstand hier ab 1920 innerhalb weniger Jahre ein neuer Tiefseehafen. Die junge Republik benötigte einen eigenen Zugang zur Ostsee, und so entwickelte sich Gdynia in rasantem Tempo zu einer modernen Hafenstadt. Zwischen den beiden Weltkriegen entstanden breite Straßen, elegante Wohnhäuser, Bürogebäude und öffentliche Einrichtungen im Stil der klassischen Moderne. Die weißen Fassaden, abgerundeten Gebäudeecken, Bullaugenfenster und flachen Dächer erinnern vielerorts an die Architektur großer Ozeandampfer – ein bewusst gewählter Bezug zur Seefahrt.

Das ehemalige ZUS-Gebäude zählt mit seiner abgerundeten Fassade zu den schönsten Beispielen des Funktionalismus in Gdynia. Foto: P. Kozłowski
Vollständig geplante modernistische Stadt
Die UNESCO hob besonders hervor, dass Gdynia zu den weltweit am besten erhaltenen Beispielen einer vollständig geplanten modernistischen Stadt zählt. Anders als viele andere europäische Städte wurde das Zentrum nahezu auf dem Reißbrett entworfen und bildet bis heute ein außergewöhnlich geschlossenes Ensemble.
Tipps für einen Rundgang
Für Besucher beginnt der Rundgang am besten am Hauptbahnhof. Von dort führt die breite ulica 10 Lutego direkt zum Hafen. Entlang der Straße reihen sich zahlreiche denkmalgeschützte Wohn- und Geschäftshäuser aus den 1930er Jahren. Besonders sehenswert sind die historische Markthalle, das ehemalige Haus der Polnischen Seefahrer sowie zahlreiche Wohnhäuser mit ihren charakteristischen Rundungen und Balkonen. Am Südpier wartet das maritime Herz Gdynias. Hier liegen zwei der bekanntesten Museumsschiffe Polens: der Zerstörer ORP Błyskawica, eines der ältesten erhaltenen Kriegsschiffe Europas, sowie das berühmte Segelschulschiff Dar Pomorza, das Generationen polnischer Seeleute ausgebildet hat. Gleich daneben lädt die lange Hafenpromenade zum Flanieren ein. Cafés, Restaurants und Ausflugsschiffe sorgen besonders im Sommer für maritimes Flair.
Nur wenige Schritte entfernt befindet sich das moderne Aquarium von Gdynia mit seiner Ostsee- und Tropenausstellung. Wer einen herrlichen Blick über Stadt und Hafen genießen möchte, fährt mit der kostenlosen Standseilbahn auf den Kamienna Góra. Von der Aussichtsplattform reicht der Blick über den Hafen bis hinaus auf die Danziger Bucht.
Ein weiterer Höhepunkt ist das Emigrationsmuseum im historischen Passagierterminal. Es erzählt eindrucksvoll die Geschichte von Millionen Polen, die über Gdynia ihre Heimat verließen und in Amerika oder Westeuropa ein neues Leben begannen.

Gdynias einzigartige Stadtlandschaft geht direkt ins Meer über. Foto: J. Plichta
Naturfreunde zieht es an die Steilküste von Orłowo. Die hölzerne Seebrücke und die bis zu 60 Meter hohen Klippen gehören zu den schönsten Fotomotiven an der polnischen Ostsee. Von hier führen Wanderwege durch das Naturschutzgebiet Kępa Redłowska direkt entlang der Küste.
Gemeinsam mit Danzig und dem Seebad Sopot bildet Gdynia die sogenannte Dreistadt (Trójmiasto). Dank dichter S-Bahn-Verbindungen lassen sich alle drei Städte bequem miteinander verbinden. Während Danzig mit Hansegeschichte begeistert und Sopot mondänes Seebadflair bietet, steht Gdynia heute wie kaum eine andere Stadt für Aufbruch, Moderne und maritime Architektur. Mit dem neuen UNESCO-Titel dürfte die Hafenstadt künftig noch stärker in den Fokus internationaler Kulturreisender rücken – vollkommen zu Recht.
Am 10. Februar 1926 erhielt das Fischerdorf an der Danziger Bucht seine Stadtrechte. Der junge polnische Staat brauchte nach dem Versailler Vertrag dringend einen eigenen Ostseehafen. Was folgte, war eines der ambitioniertesten Stadtbauprojekte Europas. In nur 18 Jahren schufen die wichtigsten Architekten des jungen polnischen Staates Wohnhäuser, Verwaltungsgebäude, Einkaufs- und Kulturzentren für Polens „weiße Stadt am Meer“. Geschwungene Fassaden, Rundfenster wie Bullaugen, Aufbauten in Form von Kapitänsbrücken – die Architekten der 1930er-Jahre bauten Häuser, die aussehen, als würden sie gleich ablegen. Noch heute zieht man Vergleiche mit Transatlantikdampfern. Auf einer Fläche von rund 88 Hektar finden Besucher Hunderte Gebäude im Stil des Funktionalismus.
Einzigartig ist zudem die Anlage der Stadt: Das Zentrum geht über den plac Kościuszki und die über 600 Meter lange Südmole direkt ins Meer über. Das unterscheidet Gdynia von anderen zeitgleich errichteten Planstädten, wie etwa Tel Aviv, das seit 2003 zum Welterbe der UNESCO zählt. Dieser urbane Griff zum Meer war letztendlich auch für das Welterbe-Komitee ein entscheidendes Argument.
Architekturinteressierte können die wichtigsten Baudenkmäler bereits seit einigen Jahren auf der „Route des Funktionalismus“ (Szlak Modernizmu) erleben. Dazu zählen etwa das ehemalige ZUS-Gebäude an der Straße ul. 10 Lutego – heute Sitz des Stadtpräsidiums, die Markthalle (Hala Targowa), oder das Emigrationsmuseum im einstigen Seebahnhof am Franzosenkai.
Das ehemalige ZUS-Gebäude zählt mit seiner abgerundeten Fassade zu den schönsten Beispielen des Funktionalismus in Gdynia. Foto: P. Kozłowski
Gdynia ist heute eine moderne und jugendliche Stadt mit rund 250.000 Einwohnern und einer ausgeprägten Kulturszene. Sie setzt ganz bewusst auf die Verbindung der historischen Moderne mit der Architektur der Gegenwart. Die Stadt ist ein Teil der Metropolregion Dreistadt an der Danziger Bucht. Sie stand in der Vergangenheit bei Gästen immer etwas im Schatten der beiden Schwesterstädte Gdańsk (Danzig) und Sopot (Zoppot). Daraus will sie spätestens mit der Ernennung zur 18. Welterbestätte Polens heraustreten.
hier besuchten wir Danzig/Gdansk.
Neben der funktionalistischen Architektur, die das Bild des Stadtzentrums prägt, verfügt Gdynia über eine Reihe von touristischen Angeboten. Dazu gehört der stolze Dreimaster „Dar Pomorza“, einst Segelschulschiff der Marine, heute ein Museumsschiff mit Ankerplatz an der Südmole, das größte Musiktheater des Landes mit 1.500 Plätzen oder das Aquarium.
Gdynia bietet über mehrere Sandstrände, zum Beispiel im Villenvorort Orłowo und ist jedes Jahr Austragungsort des Open’er, eines der wichtigsten Open-Air-Festivals des Landes. Die Stadt verfügt über ein umfangreiches Angebot an Unterkünften. Flaggschiff ist das in Orłowo gelegene 5-Sterne-Hotel Quadrille, das der renommierten Vereinigung Relais & Châteaux angehört.
Urodzinowy Stół“ – rund ein Kilometer langer Geburtstagstisch
Noch bis zum Ende des Jahres feiert die Stadt ihren 100. Geburtstag. Einer der Höhepunkte erwartet Besucher am 26. August. Dann lädt Gdynia zum „Urodzinowy Stół“ – einem rund einen Kilometer langen Geburtstagstisch auf der Aleja Piłsudskiego bis zur Ostsee, begleitet von einer Drohnenshow mit über 1.000 Drohnen über dem Strand.
Die offizielle Internetpräsenz von Gdynia gibt es unter www.gdynia.pl
Mehr über das Stadtjubiläum auf 100.gdynia.pl
Den Eintrag zum UNESCO-Welterbe gibt es auf whc.unesco.org/en/list/1715/
Mehr Informationen rund um das Reiseland Polen erhaltet ihr beim Polnischen Fremdenverkehrsamt unter www.polen.travel
Hinterlasse einen Kommentar