Von Kärstin Weirauch

Manfred Krug konnte schimpfen, staunen, lachen und sich herrlich über die Welt ärgern. Mit „Ich habe nicht viel erwartet. Tagebücher 2002–2004“ erschien im knon Verlag Berlin jetzt der vierte und wohl auch letzte Tagebuchband des 2016 verstorbenen Schauspielers, Sängers und Tatortkomissars. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen hat ihn erneut Krista Maria Schädlich. Und wieder ist es dieser unverwechselbare Krug-Ton, der den Leser sofort packt: lakonisch, witzig, manchmal grantig, gelegentlich böse – aber fast immer hellwach. Krug beobachtet seine Umgebung mit dem Blick eines Schauspielers und der Genauigkeit eines Chronisten. Aus scheinbar banalen Alltagsszenen werden kleine Geschichten.

Manfred Krug, Ich habe nicht viel erwartet. Tagebücher 2002 – 2004. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Krista Maria Schädlich. Kanon Verlag Berlin GmbH, 20026. www.kanon-verlag.de

Manfred Krug schrieb am 12.Oktober 2004 „Friedrich Merz wirft das Handtuch im Kampf um den CDU-Vorsitz.“ (2002-2004)“
Meine Vision für 2026: Friedrich Merz wirft das Handtuch im Kampf um seine Glaubwürdigkeit. Eine Feststellung – eine Vision. 20 Jahre liegen dazwischen. Beide Aussagen beleuchten eine Zeit, die Manfred Krug sicher sehr aufmerksam verfolgt hätte. Krugs soeben erschienener dritter Tagebuchband „Ich habe nicht viel erwartet. Tagebücher 2002 – 2004“ ist aktuell bis heute. Krug, obwohl er bereits vor zehn Jahren verstarb,  erhob entschieden seine Stimme gegen den Irakkrieg, zu dem der damalige Bundeskanzler Schröder gesagt hatte, „Deutschland mache nicht mit“.

Das Tagebuch ist sehr persönlich. Krug schreibt über Familie, Freunde, Reisen, Hotels, Auftritte, seine Gesundheit und das Älterwerden. Gerade diese alltäglichen Beobachtungen machen den Band interessant: Er notiert nicht nur die großen Ereignisse, sondern auch seine Launen, Ärgernisse und Begegnungen. Seine Sprache bleibt dabei direkt, ironisch und häufig bissig.

Krista Maria Schädlich, Herausgeberin des nun auch dritten Bandes der Tagebücher von Manfred Krug, bemerkt in ihrem Nachwort: „(Krug) … wurde mehr und mehr zum Antiamerikaner, wegen der Politik, nicht wegen der Menschen. Was würde Krug uns heute sagen wollen? Vor Putin habe er schon frühzeitig gewarnt, „… aber es gibt sie immer noch, die Russlandversteher, von denen der renommierte Osteuropahistoriker Karl Schlögel in seiner Dankesrede anlässlich des „Friedenspreises des Deutschen Buchhandels“ 2025 gesagt hat: „Es gab viele Russlandversteher, aber zu wenige, die etwas von Russland verstanden.“

Manfred Krug Ich habe nicht viel erwartet Tagebücher 2002-2004 Kanon Verlag

Manfred Krug Ich habe nicht viel erwartet Tagebücher 2002-2004 Kanon VerlagHier einige Einträge aus den sehr lesenswerten und nachdenklich stimmenden Tagebüchern.

Sa 5.01.2002: „Aus jedem alten Knacker wollen sie noch was rauszuzeln.“ Und  Krug lehnt Wahlkampfunterstützung für Gerhard Schröder ab: „Bitte rechnen Sie mir mein Zurückzucken nicht als Hochmut an, dann schon lieber als Geschicklichkeit.“

Sa 23.2.2002: „Heute in der Post von dem nachgerade treuen Theo Waigel ein verspäteter Geburtstagsgruß. Wenn der Mann doch bloß kein Politiker wäre. Politiker sind Blutegel am Volkskörper, und ehemalige Finanzminister sind nun mal die ekeligsten.“

So 5.5.02: „Rottweil, ein feines altes Städtchen. Anheimelnde Häuser, Menschen, denen man anmerkt, daß sie ihre Stadt und Heimat lieben. Der Fremde fühlt sich dennoch nicht als Eindringling. Ganz besondere Fastnacht. „Narrensprung“. Herrliche Masken. Kein Klamauk, sondern streng bewahrtes Brauchtum.“

Do 27.6.02: Der Schauspieler Schroth soll gesagt haben: „Die Lücke, die wir hinterlassen, ersetzt uns vollkommen.“ Ein klasse Satz.

Sa 20.7.02: Christian Strasser: „Mein Gott, kann der Krug schreiben. Dieser Ton ist ja umwerfend.“

Frei 1.11.02: „Die meisten Hotels sind so trostlos, dass´man keine Lust zum Meckern hat.“

Sa 2.11.02: 14.15 Uhr Ankunft vor dem Krefelder „Zentral-Hotel“. „Eine Zumutung. Versifft. alles scheint immer beschissener zu werden. Deprimierend. Nur das Wetter ist nett. „Ich zahle dem Veranstalter die Differenz von 60 Euro und ziehe mit Hübis um in das „Dorint“-Hotel. Hier ist alles standardgemäß.“ Eine Zeile weiter schreibt er.“Der Auftritt in der Friedenskirche. Sehr schöne Veranstaltung, aufgeweckte und heitere Menschen. Schade, daß es nur 400 waren, die kleine evangelische Kirche sah aber gut gefüllt aus. Lange stehende Ovationen, was sehr selten ist.“

So 3.11.02: „Um 14 Uhr nach Waltrop gefahren, einem kleinen Städtchen nördlich von Dortmund. … Das Konzert vor leider nur 350 Zuhörern in Waltrop (30 000 Einwohner) war sehr schön, die Leute waren herzlich und menschlich, nicht nur die Zuhörer, sondern auch alle, die sich hinter der Bühne um uns gekümmert haben. Alles war perfekt. Auch die Verpflegung. Der Chef des Hauses sagte uns, es sei die schönste Veranstaltung des Jahres gewesen. Schöne Autogrammstunde.
Trotzdem: Durchgesetzt habe ich mich mit der ganzen Singerei im Westen noch immer nicht. Da wird wohl nix mehr draus.“

Mi 6.11.2002: „Ich habe den RA gebeten, die Klage gegen Grothe zurückzuziehen. Ich will nicht mein Lebtag mit dem Studium ekelhafter Schriftsätze verbringen. Wir haben ohnehin keine Chance. Ich wollte eine andere Wohnung oder eine halbwegs realistische Entschädigung haben. Nun habe ich gar nichts, und es ist mir recht. Ich will nicht billig zu kaufen sein.“

Sa 9.11.2002: „18.15 Uhr Ankunft in Werdau bei Crimmitschau im städtischen Kulturhaus. … Das Publikum zum Teil noch immer DDR-gebremst. Traurig, humorlos. Für mich die dreifache Anstrengung, für die Leute das halbe Vergnüngen. Was soll man machen? Sicher die trostloseste Lesung meines Lebens.“

Manfred Krug, Ich habe nicht viel erwartet. Tagebücher 2002 – 2004. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Krista Maria Schädlich. Kanon Verlag Berlin GmbH, 20026. www.kanon-verlag.de

Manfred Krug Ich habe nicht viel erwartet Tagebücher 2002-2004 Kanon Verlag

Manfred Krug Ich habe nicht viel erwartet Tagebücher 2002-2004 Kanon Verlag

Und so sind viele der Tagebucheintragungen aus den Jahren 2002 bis 2004 immer noch hoch aktuell. Und immer mehr wünschte ich mir, dass sich eines Tages noch weitere Aufzeichnungen seiner Tagebucheinträge fänden (Manfred Krug starb 2016). Denn „… er war nicht abgeneigt, sein schönes Leben fortzusetzen.“

Manfred Krug, Ich habe nicht viel erwartet. Tagebücher 2002 – 2004. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Krista Maria Schädlich. Kanon Verlag Berlin GmbH, 20026. www.kanon-verlag.de

Vielleicht sollte wir ihm unsere Wünsche an seinem Grab auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof mitteilen. Auch wenn Frevler – wie jüngst geschehen – alles daran setzen, diesen kulturellen Ort zu zerstören.

Manfred Krug Stahnsdorfer Südwestkirchhof Friedhof

Ottilie und Manfred Krug Foto: Weirauch