In Einbeck, der sympathischen Stadt in Niedersachsen, darf man guten Gewissens blau machen. Allerdings nicht, um der Arbeit zu entgehen, sondern um eines der ältesten Textilhandwerke Europas kennenzulernen. Wer in Einbeck blau macht, wird dafür sogar belohnt – mit faszinierenden Einblicken in eine fast 400 Jahre alte Handwerkskunst. Seit Jahrhunderten verwandelt Indigo weiße Stoffe in kleine Kunstwerke – und Besucher in begeisterte Entdecker alter Handwerkskunst.
Wir waren zu Gast in Einbecks Blaudruckerwerkstatt. Vor mehr als 380 Jahren begann dort mitten im Dreißigjährigen Krieg eine Geschichte, die heute weltweit Beachtung findet. Im Jahr 1638 gründete der Färber Hans Wittram in Einbeck eine kleine Färberei. Niemand konnte damals ahnen, dass daraus einmal die älteste durchgehend bestehende Blaudruck-Manufaktur Europas entstehen würde. Noch weniger konnte jemand vermuten, dass dieses traditionelle Handwerk eines Tages von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit ausgezeichnet werden würde. „Was Oldtimer für den PS.SPEICHER sind, sind die hölzernen Druckmodel für den Einbecker Blaudruck: keine Museumsstücke, sondern Schätze, die bis heute im täglichen Einsatz stehen. Genau diese Verbindung aus Tradition und gelebtem Handwerk macht Einbeck zu einem außergewöhnlichen Reiseziel.“ So sagen die Marketingexperten. Wir haben uns die Einbecker Blaudruckwerkstatt im Rahmen einer Pressereise zu Stätten des immateriellen Kulturerbes in Niedersachsen genauer angeschaut.
Wer das altehrwürdige Fachwerkhaus am Mönchenplatz in Einbeck betritt, spürt allerorten, dass hier Geschichte lebendig wird. Wie muß es erst riechen, wenn aus der Färberküche im hinteren Teil des alten Fachwerkhauses heiße Dämpfe hervorwabern. Heute wird aber nicht gefärbt, heute führt Ulf Ahrens in die kunstvolle Handwerkskunst des Druckens mit Model ein. Der zweistündige Workshop findet im Obergeschoss statt.

Beim Blaudruck wird keine Farbe auf den Stoff gedruckt. Zunächst wird der sogenannte „Papp“, eine farbabweisende Reserviermasse, mit den historischen Modeln aufgetragen. Erst danach wandert der Stoff in das Indigobad eine Etage tiefer. Nach dem Auswaschen erscheinen die charakteristischen weißen Muster auf tiefblauem Grund. Weil jeder Arbeitsschritt von Hand erfolgt, gleicht kein Stoff dem anderen – kleine Unterschiede sind ausdrücklich ein Qualitätsmerkmal echter Handarbeit. Übrigens gibt es nicht nur Stoffe in blau, sondern auch in neun weiteren Farben, etwa rot oder grün oder anderen Farben.

Kaum zu glauben, mit einem 3-D-Drucker wurde die 300 Jahre alte Model, einst von einem Formstecher aufwändig hergestellt, unlängst kopiert.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis des Einbecker Blaudrucks. Er wirkt entschleunigend, wie wir während unseres kleinen Workshops mit „Meister“ Ulf Ahrens erleben durften. Der 66-jährige gehört neben Ursula Schwerin zur Stammbesatzung der Einbecker Blaudruckwerkstatt. Ahrens erzaehlt, dass Einbeck einst eine Hochburg für Blaudrucker und Formstecher war. Letztere fertigten auch die Druckformen für die Tapetenherstellung an. Das ist aber längst Geschichte. Ahrens: „Die Model mußten die Blaudrucker selbst entwerfen und herstellen. Ursprünglich waren die Model ganz aus Holz geschnitzt. Birnbaum eignete sich wegen seiner Härte, der dichten Oberfläche und seiner Unempfindlichkeit gegen Nässe besonders gut. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts übernahmen Formstecher die Herstellung von Modeln. Da dieses Handwerk heute fast ausgestorben ist, wird es immer schwieriger Reparaturen und Überarbeitungen alter Model durchführen zu lassen.“

Kraft ist erforderlich, wenn die Model auf den Stoff „geklopft“ wird. Workshopteilnehmerin Elke Petra Thonke macht es sichtlich Freude.

Kunsthandwerk wie in einer Zeitkapsel
Jeder Arbeitsschritt verlangt Aufmerksamkeit und volle Konzentration. Während draußen die Welt immer schneller wird, erinnert die Werkstatt daran, dass Qualität Zeit braucht. Ein sauber gesetztes Muster lässt sich nicht beschleunigen. Erfahrung lässt sich nicht im Internet herunterladen. Und Leidenschaft kann keine Maschine ersetzen. Das haben wir mitgenommen von unserem Besuch in der Einbecker Blaudruckwerkstatt an diesem Donnerstag im heißen Juni 2026 in Einbeck. Noch eins erscheint mir wichtig: Wir erlebten keine perfekt inszenierte Vorführung, sondern echten Arbeitsalltag. Das Klopfen der Druckmodel, der Geruch der Werkstatt, die ruhigen Bewegungen am Drucktisch – all das vermittelt eine Glaubwürdigkeit, die in unseren sehr lebendigen Zeiten selten geworden ist. Vergessen waren in diesem Augenblick die vorhergegangenen Strapazen der Anreise mit der Deutschen Bahn, Zugverspätungen etc.

In diese Kessel werden die bedruckten Stoffe eingehangen und für rund 5 Minuten einem 60 Grad heißen Färbebad unterzogen.

In diesen Behältern werden die Stoffe anschließend ausgewaschen, mit Regenwasser, weil es weicher und billiger sei, wie Ulf Ahrens erzaehlt.

Seit 1739 im Einsatz: Die historische Wäschemangel, hinten um Raum, erinnert an die Zeit, als Leinenstoffe noch vollständig von Hand geglättet wurden. Sie gehört zu den eindrucksvollsten historischen Arbeitsgeräten der Einbecker Blaudruckerei. Heute hilft eine Heißmangel den Blaudruckern.

Das Blau, das bleibt
Wer Einbeck besucht, kommt oft wegen des berühmten Bieres oder wegen des PS.SPEICHER. Beides gehört ohne Frage zu den Höhepunkten einer Stadtbesichtigung. Die alte Blaudruckerei ergänzt dieses Bild auf wunderbare Weise. Sie erzählt nicht von großen technischen Erfindungen oder wirtschaftlichen Erfolgen, sondern von Menschen, die auch heute noch Verantwortung für ein kulturelles Erbe übernommen haben. Gerade dieser Kontrast macht den Reiz der sympathischen Stadt Einbeck aus. Hier im Weserbergland, am Rande des Solling, begegnen sich Geschichte, Handwerk und Moderne auf engstem Raum.

Blick in den Verkaufsraum mit fertigen Blaudruckarbeiten, das Reich von Ursula Schwerin.
Die UNESCO-Auszeichnung als immaterielles Kulturerbe im Jahr 2018 hat den Blaudruck mit seinen noch wenigen Werkstätten in Deutschland und Österreich bekannter gemacht. Ulf Ahrens kennt noch fünf oder sechs weitere Blaudruck-Werkstätten in Deutschland. Unlängst besuchten sie die blaudrucker in Österreich, die auch zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit gehören. Doch Auszeichnungen allein erhalten noch kein Kulturerbe. Denn es sind die Menschen, die mit viel Liebe dem alten Traditionshandwerk eine Zukunft geben. Jeder bedruckte Leinenstoff, jede Führung oder Workshop (kann über die Touriinfo Einbeck gebucht werden) und jedes Gespräch mit Besuchern trägt dazu bei, dass diese fast vergessene Handwerkskunst weiterlebt. Und Ulf Ahrens teilt sein Wissen gerne mit.

Hier fügen sich vom Formstecher (der Beruf ist so gut wie ausgestorben) eingeschlagene Messingstäbe zum filigranen Muster.

Mittlerweile 1000 originale Holzmodel mit Blumen, Ranken, Sterne oder barocke Ornamente: Die Sammlung historischer Druckstöcke gehört zu den größten ihrer Art und macht jedes Stoffmuster zu einem kleinen Kunstwerk.
Genau das macht die Einbecker Blaudruckwerkstatt zu einem besonderen Ort: Sie ist kein Museum, sondern ein lebendiger Betrieb, in dem Tradition täglich neu entsteht. Oft bekommt ahrens Leinenstoffe, die jahrzehnelang in Truhen lagerten und die jetzt bedruckt werden sollen. „Leinenstoffe gehörten früher zur Hochzeits-Aussteuer. Wir nehmen diese Stoffe sehr gern und verarbeiten sie weiter,“ sagt er.

Blick in die Näherei.Ich nahm die Erinnerung an einen Ort mit, an dem Geduld noch einen Wert besitzt. An eine Werkstatt, in der alte Druckmodel nicht verstauben, sondern noch gebraucht werden. Und an Menschen, die seit Generationen beweisen, dass sich Vergangenheit und Gegenwart nicht ausschließen müssen. So gesehen ist der Einbecker Blaudruck weit mehr als ein Kunsthandwerk. Er ist ein stilles Plädoyer dafür, das Echte zu bewahren. Und vielleicht ist genau das das eigentliche blaue Wunder von Einbeck. Und wir nehmen Bleibt zu hoffen, dass sich der Wunsch von Ulf Ahrens nach einer Nachfolgerin/Nachfolger erfüllt.
Warum heißt es eigentlich „blau machen“?
Die Redewendung hat ihren Ursprung sehr wahrscheinlich im Blaudruck-Handwerk. Nachdem die Stoffe in das Indigobad getaucht worden waren, kamen sie zunächst grünlich aus der Färbekufe. Erst an der Luft setzte die Oxidation ein – langsam verwandelte sich das Grün in das typische, kräftige Indigo-Blau. Während dieses Vorgangs konnten die Blaudrucker kaum weiterarbeiten und mussten warten, bis die Stoffe vollständig „ausgebläut“ waren. So entstanden zwangsläufig Arbeitspausen. Ob die Redensart „blau machen“ tatsächlich ausschließlich auf den Blaudruck zurückgeht, ist unter Sprachwissenschaftlern zwar nicht unumstritten. Der Zusammenhang gilt jedoch als die bekannteste und anschaulichste Erklärung – und wird immer wieder, auch von Ulf Ahrens, gerne erzählt.
Fünf erstaunliche Fakten über den Einbecker Blaudruck
+ Seit 1638 führt Familie Wittram die traditionsreiche Blaudruckerei seit Generationen bis 2005. Das Fachwerkhaus befindet sich noch heute in Familienbesitz.
+ Archiv: Mehr als 800 historische Model/Druckschablonen mit floralen und geometrischen Motiven.
+ Sie gilt als die älteste noch aktiv produzierende Blaudruckerei Europas.
+ Der Blaudruck wurde 2018 als Immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkannt.
+ Birnbaumholz eignet sich wegen seiner feinen, harten und formstabilen Struktur ideal für Druckmodel.
27 Arbeitsgänge sind erforderlich, die wichtigsten sind:
- Stoff vorbereiten.
- Muster mit Reservemasse (Papp) aufdrucken.
- Trocknen lassen.
- Im Indigobad färben.
- Oxidation an der Luft – der Stoff wird blau.
- Reservemasse auswaschen.
- Veredeln und zu Textilien in der Näherei verarbeiten.
Wer die Werkstatt verlässt, blickt mit anderen Augen auf die Stoffe im Verkaufsraum. Was eben noch wie ein hübsches Muster wirkte, erzählt plötzlich Geschichten. Von geduldig geschnitzten Druckmodeln. Von Händen, die den richtigen Druck erspüren. Von Indigo, das seine Farbe erst an der Luft preisgibt. Und von Menschen, die sich entschieden haben, eine jahrhundertealte Handwerkskunst nicht nur zu bewahren, sondern jeden Tag aufs Neue zu leben.

Einbecker Blaudruck in der Altstadt
Die traditionsreiche Blaudruckerei befindet sich mitten in der historischen Altstadt am Möncheplatz. Besucher können die Werkstatt besichtigen, Vorführungen erleben und im Ladengeschäft handgefertigte Tischwäsche, Kissen, Schals, Taschen und viele weitere Blaudruck-Produkte erwerben.
Besonders sehenswert
- historische Werkstatt mit originalen Drucktischen
- Vorführungen des Blaudrucker-Handwerks
- Workshops (ab vier Personen), um ein eigenes Stück zu bedrucken
- Verkaufsraum mit handgefertigten Unikaten
Hier die Seite von Einbecker Blaudruck im Internet.
Öffnungszeiten des Ladengeschäfts:
Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag: 10.00–17.00 Uhr
Mittwoch und Samstag: 10.00–13.00 Uhr
Sonntag: geschlossen.
Anreise mit der Bahn: Vom Bahnhof Einbeck-Mitte sind es rund 500 Meter beziehungsweise sieben Gehminuten bis zur Manufaktur.
Hier geht es zur UNESCO-Seite Immaterielles Kulturerbe der Menschheit.
Mein Tipp
Verbindet den Besuch mit einem Rundgang durch die sehenswerte Altstadt, einer Besichtigung des PS.SPEICHER mit Deutschlands größter Automobil- und Motorradausstellung und einem Abstecher zum Brodhaus mit einer Verkostung von Einbecker Bieren.
Übernachtungstipp: Hotel Freigeist (von hier aus sind es 500 Meter fußläufig bis zur Blaudruckwerkstatt) .
Weitere Informationen zu Einbeck hier
Touristeninformation Einbeck Adresse: Marktstraße 13, 37574 Einbeck Telefon: 05561 916555 im Internet hier.
Was man noch in Einbeck neben Blaudruck, PS-Speicher und Braugeschichte erleben kann, erfahrt ihr hier.
Die Recherche im Weserbergland und in Einbeck wurde unterstützt von Tourismus Niedersachsen GmbH.
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