war aus meiner Sicht „das“ Ereignis für Technikfans in Brandenburg am 26. und 27. August 2017
in Friedersdorf bei Seelow. Schaut hier die Bilder
Das Landwirtschaftsfest wurde veranstaltet von Hans-Georg von der Marwitz zusammen mit dem Freundeskreis Kunstspeicher Friedersdorf.
Hier ein Video vom Dampfpflügen am Samstag. https://youtu.be/F7aa4BRg9xs
Initiator Hans-Georg von der Marwitz im Kreis einiger Helfer beim Dampfpflügen 2017, Foto: D.Weirauch
Im brandenburgischen Ort Fredersdorf wird bis heute an eine besondere Episode der Agrar- und Technikgeschichte erinnert: das Dampfpflügen mit Dampflokomobilen im Oderbruch. Das Oderbruch, eine weite Niederungslandschaft östlich von Berlin, wurde bereits im 18. Jahrhundert unter Friedrich II. entwässert und landwirtschaftlich nutzbar gemacht. Mit der fortschreitenden Mechanisierung der Landwirtschaft im 19. Jahrhundert hielt hier eine besonders spektakuläre Technik Einzug: das Dampfpflügen.
Dabei kamen sogenannte Dampflokomobile zum Einsatz – große, fahrbare Dampfmaschinen, die über Seilwinden schwere Pflüge über die Felder zogen. Meist arbeiteten zwei Lokomobile am Rand eines Feldes. Zwischen ihnen wurde ein Stahlseil gespannt, an dem ein mehrschariger Pflug befestigt war. Durch abwechselndes Ein- und Ausziehen des Seils bewegte sich der Pflug quer über den Acker und lockerte den oft schweren Boden des Oderbruchs besonders tief und gründlich. Für die großflächigen Böden der Region war diese Methode deutlich effizienter als die traditionelle Bearbeitung mit Pferden.
Auch in Fredersdorf entwickelte sich diese Technik zu einer wichtigen landwirtschaftlichen Innovation. Lokomobile stammten häufig von bekannten Herstellern wie Heinrich Lanz AG oder Fowler & Co.. Sie wurden von spezialisierten Pflugmannschaften betrieben, die mit den komplexen Maschinen umgehen konnten. Neben dem Maschinisten gehörten Heizer, Pflugführer und weitere Helfer zur Mannschaft.
Der Betrieb war allerdings aufwendig. Große Mengen Kohle und Wasser waren nötig, und die Maschinen mussten regelmäßig gewartet werden. Trotzdem blieb das Dampfpflügen bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinein verbreitet. Erst mit dem Aufkommen leistungsfähiger Traktoren verlor die Technik allmählich an Bedeutung.
Heute erinnern Vorführungen historischer Maschinen und regionale Veranstaltungen im Oderbruch an diese eindrucksvolle Phase der landwirtschaftlichen Mechanisierung. Wenn Dampflokomobile wieder unter lautem Zischen und mit schwarzen Rauchwolken arbeiten, wird ein Stück Technikgeschichte lebendig – und zeigt, wie innovativ die Landwirtschaft in der Region einst war.
Einzigartige Dampflokomobile aus Bayern
Ein Kipppflug wird mit Hilfe von Dampflokomobilen über den Acker gezogen. Das Dampfpflügen wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in England erfunden. Damals war es ein Meilenstein des technischen Fortschritts in der Landwirtschaft, speziell für die Bodenbearbeitung. Zum Dampfpflügen kamen zwei Lokomobilen sowie ein Pflug aus dem bayrischen Schönbrunn nach Friedersdorf ins Oderbruch.
Es gibt nur noch zwei zugelassene Gespanne in Deutschland. Für viele Gäste des Dampfpflügens war es ein Wiedersehen: das letzte Mal waren die Dampflokomobile 2006 im Oderbruch.
Chris Bosma aus den Niederlanden ist mit seiner Dampfmaschine auf vielen Dampftreffen in Deutschland anzutreffen. Foto: D.Weirauch
Weiterhin wurde das gesamte Spektrum landwirtschaftlicher Technik vergangener Zeiten vorgeführt. Vom Dreschkasten von anno dazumal, über Gespannpflügen mit Pferden, den Lanz’ Bulldog und den zu DDR-Zeiten eingesetzten Traktor „Fortschritt“ ZT 300. Zu sehen war eine große Palette modernster, per GPS gesteuerte 500 PS Schlepper.
Kunst- und Handwerkermarkt
Ein Kunst- und Handwerkermarkt zeigte die Vielfalt Märkisch-Oderlands und Ostbrandenburgs. Vom Keramiker, über Tischler, Drechsler bis zum Schmied war alles vertreten. Liebevolle Stände mit viel Handarbeit lagen in der Zuschauergunst oben.
Hier ein zweites Video vom Dampfpflügen in Friedersdorf bei Seelow 2017.
Wer das Dampfpflügen einmal erlebt hat, der ist begeistert von den stählernen Kolossen. Ein Kipppflug wird mit Hilfe von zwei Dampflokomobilen über den Acker gezogen. Fünf Personen sind notwendig, und die Technik aus Uropas Tagen vorführen zu können. Das stählerne Seil zwischen beiden Dampflokomobilen ist rund 500 Meter lang. Hans-Georg von der Marwitz, der nach der Wende, auf das Gut seiner Vorfahren zurückkam, stammt aus dem Allgäu. Von dort reisten die Laub´ner Blasmusikanten an traten an beiden Tagen auf.
Eine bessere Werbung für historische Technik und den ländlichen Raum sowie das Reisegebiet Seenland Oder – Spree kann es nicht geben.
Das Gut Friedersdorf gehörte seit dem Ende des 17. Jahrhunderts der Familie von der Marwitz, einem der ältesten brandenburgischen Adelsgeschlechter. Zweige der Familie bestehen bis heute.
Johann Friedrich Adolf von der Marwitz
Johann Friedrich Adolf von der Marwitz (1723-91) kämpfte in vielen Schlachten für König Friedrich II. Während des Siebenjährigen Krieges (1756-63) erhielt er den Befehl, das kurfürstlich-sächsische Jagdschloss Hubertusburg zu plündern – der König wollte sich für die Plünderung des Schlosses Charlottenburg rächen. Oberst von der Marwitz weigerte sich jedoch und entgegnete, das „würde sich allenfalls für den Offizier eines Freibatallons schicken, nicht aber für einen Kommandeur Seiner Majestät Gensdarmes“. Er fiel in Ungnade und diente erst wieder im Bayerischen Erbfolgekrieg (1778/79) im Gefolge des Königsbruders Prinz Heinrich.
Ungnade wählen, wo Gnade nicht Ehre bringt…
In der Friedersdorfer Kirche erinnert bis heute ein Grabstein an General von der Marwitz mit den Worten: „sah Friedrichs Heldenzeit und kämpfte mit ihm in all seinen Kriegen, wählte Ungnade, wo Gnade nicht Ehre brachte“.
Hier einige Infos zu den Dampflokomobilen aus Schönbrunn
Die Lokomobile
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Die Lokomobile des Agrarbildungszentrum sind der einzige voll funktionsfähige Dampfpflugzug im deutschsprachigen Raum. Der komplette Dampfzug besteht aus zwei Lokomobilen und dem Kipppflug. Im Einsatz stehen die Lokomobile jeweils an entgegengesetzten Enden des Feldes und der Kipppflug wird mit Seilwinden dazwischen hin und her gezogen.Die Pflege und der Erhalt dieser einzigartigen Technik wird vom Agrarbildungszentrum und von der Landmaschinenschule mit großem Engagement betrieben. Um den Dampfzug fahren zu können, sind mindestens fünf Personen notwendig; bei längerem Einsatz ist zusätzliches Personal erforderlich, das Brennstoff und Wasser nachliefert. Die technischen Daten:
Heucke Dampfpflugsatz Baujahr 1928
bestehend aus 2 Lokomobilen und 1 Kipppflug Fabriknummer 743 und 744
Lokomobile
Pflug 5-scharig
Länge
7,50 m
Länge
11,50 m
Breite
2,70 m
Breite (Achse)
2,50 m
Höhe bis Schwungrad
3,00 m
Gewicht
5.000 kg
Gewicht (leer)
19.500 kg
Arbeitsbreite
2,00 m
Seillänge
550 m
Arbeitstiefe
bis 0,35 m
Kessel
Pflugarbeit(Erfahrungswerte)
Heizfläche
21,3 m³
Arbeitsgeschwindigkeit
1,7 bis 2,5 m/s
Betriebsdruck
15 bar
Zugkraft
max. 6.500 kg
Leistung
1 – 1,3 ha/h
Kohleverbrauch
140 kg/ha
Wasserverbrauch
750 l/ha
Bedienung
Dampfmaschine
2 Maschinenführer
Leistung bis 250 PS
1 Pflugführer
sowie Personal für Anspannung, Kohle
und Wassertransport
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