Zukunft der Vergangenheit – Industriekultur in Bewegung

Das Jahr 2021 hat uns gezeigt, über welch reiche Sachzeugen der Industriekultur das eher landwirtschaftlich geprägte Land Brandenburg verfügt. Einige davon haben wir für einfachraus.eu besucht. Hier stellen wir weitere sehenswerte Beispiele der Industriekultur vor. Wer Glück hat, klopft an die Tür und kommt mit einem ortskundigen Technikfan ins Gespräch und zu einer unverhofften Führung. So lassen wir uns denn überraschen.

Highlights Brandenburger Industriekultur (Auswahl)

Einzigartiger Schiffslift: Niederfinow

Wo die Schiffe Fahrstuhl fahren, lest ihr hier: Schiffshebewerk Niederfinow

Niederfinow Schiffshebewerk Industriekultur

SHW Niederfinow Turbinentransport Belfort - Zielena Gora im Auftrag Best Logistics (1)

Probelauf 12.12.2021 – SHW Niederfinow Turbinentransport Belfort – Zielena Gora im Auftrag Best Logistics Foto: WSA Berlin

Das Schiffshebewerk und die Schleusentreppe in Niederfinow

  • Adresse: Hebewerkstraße, 16248 Niederfinow,
  • Im Internet: www.wsa-eberswalde.de

Kupferhäuser und Wasserturm Eberswalde

Eberswalde.Industriekultur.

Blick auf die Kupferhäuser vom Wasserturm

Besucherbergwerk F60 in Lichterfeld

Als hätte jemand den Eiffelturm „in die Landschaft gelegt“ ragt weithin sichtbar die ehemalige Abraumförderbrücke F60 mit 80 Meter Höhe in den Lausitzer Himmel. Die Besucher erleben am Ende einer 90-minütigen Führung auf der Förderbrücke weit reichende Aus- und Einblicke in die gewandelte ehemalige Tagebaulandschaft. Nach fast zweijähriger Aufbauzeit von TAKRAF Lauchhammer nahm die die F60 am 11. März 1991 ihren Betrieb im Tagebau Klettwitz Nord auf. Mit den riesigen Ausmaßen: 502 Meter Länge, 7.500 Tonnen Gewicht konnte die F60 pro Stunde maximal 29.000 Kubikmeter Abraum mit einer Anschlussleistung von 27.000 Kilowatt über den Tagebau hinweg bewegen.

F60 Lausitz Bergbau Technik Industriekultur

Gigant in der Landschaft: F 60

Die Schließung der Braunkohle-Veredelungsanlagen vor allem im Raum Lauchhamer, hatte zur Folge, dass die F60 am 30. Juni 1992 stillgelegt werden musste. Seit der feierlichen Eröffnung des Besucherbergwerkes F60 am 5. Mai 2002 erlebt jeder Besucher die gewaltigen Ausmaße dieser Stahlkonstruktion bei Tage. An Wochenend-Nächten wird die F60  durch eine Licht- und Klanginstallation (Bergbaugeräuschen) des multimedialen Künstlers Hans Peter Kuhn eindrucksvoll in Szene gesetzt. Zusätzlich zu Nachlichtführungen organisiert die F60-Concept GmbH, Tochtergesellschaft des Fördervereins, für das jüngere und ältere Publikum auch Open-Air-Veranstaltungen.

In den nächsten Jahren soll in der ehemaligen Tagebaulandschaft ein Erholungsgebiet rund um den Bergheider See entstehen. Seit Januar 2006 ist das Besucherbergwerk F60 neben anderen namhaften Industriedenkmälern in Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und Luxemburg ein Ankerpunkt auf der „Europäischen Route der Industriekultur“.

  • Adresse
    Besucherbergwerk F60
    Bergheider Straße 4, 03238 Lichterfeld, Tel. 03531 608014
  • Im Internet: www.f60.de

Teltowkanal und Schleuse Kleinmachnow

Mit der Schleusenanlage Kleinmachnow überwinden heute die Schiffe, die den Teltowkanal befahren, eine mittlere höhendifferenz von 2,74 Meter. Als Doppelkammerschleuse ist die Schleusenanlage Kleinmachnow in den Jahren 1902-1905 errichtet worden. Die Nutzlänge jeder Schleusenkammer beträgt 67 Meter und die Breite beträgt 10 Meter. Die Befüllung der Kammern erfolgt durch beiderseits der Kammern liegende Umläufe von denen aus jeweils 9 Einläufen das Wasser gleichmäßig und ruhig in die Schleusenkammern geleitet wird. Die Schiffe wurden ursprünglich vom Unterwasser durch eine Treidellokomotive zur Schleuse gebracht. Im Oberwasser übernahm diese Aufgabe ein Schleppdampfer, da hier aufgrund des sich anschließenden Machnower Sees keine Leinpfaddämme vorhanden waren. Mittels elektrischer Laufkatzen wurden die Schiffe dann in die Schleuse gezogen. Eine Doppelschleusung (ein Schiff bergauf, eines bergab in einer Kammer) dauerte ca. 30 Minuten. So konnten damals pro Tag 32.000 Tonnen und bei 270 Betriebstagen 8,64 Millionen Tonnen Güter geschleust werden. Zur architektonischen Gestaltung der Schleuse wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Den ersten Preis erhielt der Entwurf von Friedrich Lahrs, Charlottenburg. Der Entwurf zeichnete sich durch Funktionalität, Verzicht auf schmückendes Beiwerk und durch seine gute Einfügung die umgebende Landschaft aus. Im Rahmen der Planungen Albert Speers „für Groß-Berlin“ wurde parallel zur Doppelkammerschleuse eine neue Schleusenkammer, die heutige Nordkammer, für 1.000 Tonnen-Schiffe errichtet. Heute steht die gesamte Schleusenanlage unter Denkmalschutz, nur die Nord- und die Mittel-Kammer sind noch in Betrieb. 2005 betrug das geschleuste Güteraufkommen ca. 900.000 Tonnen.

  • Adresse: Wasser- und Schiffahrtsamt Berlin
  • Mehringdamm 129, 10965 Berlin
  • Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin
  • Tel. 030 695320
  • weitere Informationen hier
  • post@wsa-b.wsv.de

Glashütte in Baruth/Mark

Köhler und Glasmacher liebten die Einsamkeit der Wälder. So liegt denn auch Glashütte wie eine Insel im Wald. 1715 hatte ein Sturm in der Nähe von Baruth für soviel Bruchholz gesorgt, dass die Anlage einer Glashütte lohnte. Holz, Sand, Pottasche und ein paar böhmische Fachleute, mehr brauchte es dazu eigentlich nicht. Man machte Fein- und Gebrauchsglas, Lampenschirme und Gärballon. Erst vor wenige Jahren endete diese Tratition. Nun entpuppt sich das vergessene Örtchen als lebendiges Museumsdorf. Die „Neue Hütte“ beherbergt neben einem Museum zur Geschichte des Ortes, auch wieder einige Glasbläser. Beim Glashüttenfest im Mai ist übrigens regelmäßig die Hölle los.Glashütte Baruth Glashütte Baruth Technikgeschichte Industriekultur Technisches Denkmal

Ziegelei in Glindow

Wie zu Fontanes Zeiten werden in Glindow (Klatsch!) Ziegel im Handstrichverfahren gefertigt. Über eine Million davon verschlang ein Berliner Mietshaus! Wie damals ist auch der alte Ringofen mit seiner kontinuierlich umlaufenden Feuerung nach in vollem Betrieb. Heute zählt besonders die Denkmalpflege zu den Abnehmern der exquisiten Glindower Ziegel und Formsteine. Das Märkische Ziegeleimuseum auf dem Betriebsgelände gibt den historischen Hintergrund. Was die Anreise betrifft. sei besonders der Wasserweg empfohlen.  Vom Schiff aus entfalten sich dem Gast alle Reize des Havellands. Auf demselben Weg, nur bedeutend dichter gestaut, wurden seinerzeit die Ziegel nach  Berlin geschippert.

Ziegelringofen Glindow Technikgeschichte Manufaktur

Hoffmannscher Ziegelringofen Glindow am Glindower See Foto: Weirauch

Hier erfahrt ihr mehr über die Ziegelmanufaktur Glindow, die hoffentlich erhalten bleibt. 2021 gab es dort Probleme.

Adresse: Alpenstraße 47, 14542 Werder/Havel OT Glindow,

Im Internet:   www.ziegelmanufaktur.com

Brikettfabrik „Louise“ in Domsdorf

Das Brikett hat seinen Namen vom Ziegelstein geerbt. Der Form wegen. Die „Louise“ ist die älteste, kleinste und schönste Brikettfabrik, die wir kennen. 1882 erbaut, hat sie nun fast einhundertvierzig Jahre hinter sich. Technisch kam seither zwar manches hinzu. aber die Erstausstattung an Maschinen blieb fast komplett erhalten. Und die Röhren- und Tellertrockner, die Dampfmaschinen und Brikettpressen laufen noch immer. Stationen auf dem staubigen Weg, den die Braunkohle nehmen musste, um zum Brikett zu werden. Ein Weg, der seine Gefahren und Geheimnisse hatte. Das ist vorbei. Aber Briketts gibt es heute immer noch in der „Louise“. Wenn auch nur als Souvenirs und Sammlerstücke.

Techniktrumpf aus Uropas Tagen: Brikettfabrik "Louise",Foto: D.Horn

Techniktrumpf aus Uropas Tagen: Brikettfabrik „Louise“,Foto: D.Horn

Hier lest ihr mehr über Europas einzige noch mit Dampf betriebene Brikettfabrik

04924 Domsdorf

Der Ziegeleipark in Mildenberg

Der reisende Fontane bewies seine Stilsicherheit schon bei der Wahl der Transportmittel. Auf dem Weg nach Mildenberg hätte er wohl die Fahrt mit der Feldbahn durch die Tonstichlandschaft oder dem Sportboot auf der Havel empfohlen. Aber es geht natürlich auch anders. Hier bei Zehdenick dehnte sich einst das größte geschlossene Ziegeleirevier der Mark. Inzwischen ist die Natur zurückgekehrt. Um alte Tongruben und die Reste von Ringöfen hat sie eine eigenwillig reizvolle Landschaft gestaltet. Mitten darin liegt der Ziegelpark Mildenberg, das sicher weitläufigste Museum im Land. Erlebnisreiche Technikgeschichte im Ensemble eines Freizeitparks, der besonders Aktivurlauber ansprechen sollte.

Historische Dampflok im Ziegeleipark Zehdenick Foto: Weirauch

Hier erfahrt ihr mehr über den Ziegeleipark Mildenberg

Die Papierfabrik in Hohenofen

Adresse: Neustädter Straße 25,16845 Sieversdorf OT Hohenofen,

Hohenofen Industriekultur Hohenofen Technikgeschichte

Papierfabrik Hohenofen

Im Internet: www.patent-papierfabrik.de

Museumspark Rüdersdorf

Die Schachtofenbatterie ist mit 18 Rüdersdorfer Öfen ein einzigartiges Beispiel für den Übergang vom jahrtausende alten Handwerk des Kalkbrennens zur Industrieproduktion in großen Anlagen.

Von 1868 bis 1884 vollzog sich in Rüdersdorf der Übergang von der handwerklichen zur industriellen Kalkproduktion. Der Bau der Eisenbahn nach Rüdersdorf machte es möglich, schnell große Mengen gebrannten Kalks an die Kunden zu liefern. Damals, als Berlin deutsche Hauptstadt wurde, stieg durch den „Bauboom“ der Gründerzeit und die Entwicklung der Industrie stetig die Nachfrage nach gebranntem Kalk. So wurden 1868 in der damaligen Schachtofenanlage 3.100 Tonnen gebrannter Kalk produziert. 16 Jahre später hatte sich die Produktionsmenge bereits versechsfacht (18.000 Tonnen). Die Weiterentwicklung des Rumfordofens zu einem Schachtofen für die industrielle Kalkproduktion ist weltweit als „Rüdersdorfer Ofen“ bekannt. Der Kalkstein wurde in diesem Ofen durch schichtweise Zugabe der Steinkohle von oben in den Schacht gebrannt. Eine zusätzliche Feuerung befand sich im unteren Drittel des Brennschachtes. Der gebrannte Kalk wurde ganz unten aus dem Abzug entnommen. Der Rüdersdorfer Ofen arbeitete wie der Rumfordofen kontinuierlich, ohne Unterbrechung und mit hoher Brennleistung. Zur Verbesserung des Arbeitsablaufes konnten mehrere Öfen zu einer „Schachtofenbatterie“ aneinander gebaut werden. Trotz technischer Fortschritte war die Arbeit der Kalkbrenner an der Schachtofenbatterie gesundheitsgefährdend und körperlich schwer. Die Feuerung der Schachtöfen verlangte hohe Konzentration und körperlichen Einsatz. Die heute zu besichtigenden Anlagen der Schachtofenbatterie auf dem Gelände des Museumsparks Rüdersdorf stammen zu einem großen Teil noch aus dem Jahr 1871 und wurden erst 1967 stillgelegt.

Großer Refraktor in Potsdam

Der Große Refraktor ist das größte Linsenteleskop Deutschlands und das viertgrößte der Welt. Eingeweiht wurde der Refraktor 1899 als Hauptteleskop des Astrophysikalischen Observatoriums Potsdams (heute Astrophysikalisches Institut Potsdam), um dessen wissenschaftliche Leistungsfähigkeit zu erweitern. Das Teleskop ist ein Doppelrefraktor. Es besteht aus einem fotografischen Fernrohr mit einem Linsendurchmesser von 80 Zentimetern und 12,2 Metern Brennweite und einem optischen Fernrohr von 50 Zentimetern Durchmesser und einer Brennweite von 12,5 Metern für unmittelbare Sternbeobachtungen. Zur Beobachtung wird der Kuppelspalt geöffnet, eine fahrbare Bühne bringt den Beobachter in Position zum Fernrohr. Die drehbare Kuppel des Gebäudes hat einen Durchmesser von 21 Metern und wiegt 200 Tonnen.Großer Refraktor

Erfolge wurden mit dem Großen Refraktor insbesondere bei der fotografischen Bestimmung der Radialgeschwindigkeiten von Sternen erzielt. Mit dieser Methode entdeckte der Astrophysiker Johannes Hartmann die interstellare Materie in form hochverdünnter leuchtender Gase zwischen den Sternen. Wegen der mangelnden Qualität der Objektive entwickelte Hartmann die noch heute gebräuchlichen „Hartmann-Tests“ zur Güteprüfung von Objektiven. 1945 wurden das Gebäude und der mechanische Teil des Großen Refraktors durch einen Bombeneinschlag stark beschädigt. Nach der Wiederherstellung des Gebäudes in den 50er Jahren wurde der Beobachtungsbetrieb bis 1968 fortgesetzt, danach musste der Betrieb auf Anordnung der Akademie der Wissenschaften der DDR eingestellt werden und der Große Refraktor war dem Verfall preisgegeben. Nach einer aufwändigen Sponsorensuche und seiner Restaurierung konnte er 2006 wieder eingeweiht werden. Für wissenschaftliche Beobachtungen wird er heute nicht mehr genutzt, das Astrophysikalische Institut Potsdam veranstaltet aber Führungen und Beobachtungsabende für die Öffentlichkeit.

  • Adresse
    Großer Refraktor
    Astrophysikalisches Institut Potsdam (AIP)
    Telegrafenberg A 27, 14473 Potsdam
  • Kontakt für Führungen und Beobachtungsabende
    Astrophysikalisches Institut Potsdam
    Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
    Tel. 0331 7499469
    presse@aip.de
    www.aip.de

Weitere Highlights brandenburgischer Technikgeschichte

Wo man noch hin sollte:

Die Großfunkstation in Nauen

Adresse: Graf-Arco-Straße 154, 16641 Nauen

Das Pumpenhaus für Sanssouci (Moschee) in Potsdam

Potsdam Havel

  • Adresse: Breite Straße 28, 14471 Potsdam,
  • Im Internet: www.spsg.de/Museum

Die ehemalige Singer-/Veritas-Nähmaschinenfabrik in Wittenberge

Adresse: Bad Wilsnacker Straße 48, 19322 Wittenberge

Das Gaswerk und die Wassertürme in Neustadt/Dosse

Adresse: Havelberger Straße 25, 16845 Neustadt/Dosse

Hutfabrik Herrmann, Steinberg & Co in Luckenwalde

Die berühmte Hutfabrik von Luckenwalde, Foto: Weirauch

Die berühmte Hutfabrik von Luckenwalde, Foto: Weirauch

Adresse: Industriestraße 2, 14493 Luckenwalde

Verschiebebahnhof in Elstal

  • Adresse: 14641 Wustermark OT Elstal,
  • Im Internet: www.historia-elstal.de

Hier weitere Informationen zu Kulturland Brandenburg

Empfehlenswert zum Nachreisen die Faltkarte

zum Nachlesen das Buch mit spannenden Aufsätzen und tollen Fotos von Frank Gaudlitz (u.a. Kunstgießerei Lauchhammer)

Ausführliche Informationen zu Kulturland Brandenburg gibt es auch hier

Internet: kulturland-brandenburg.de

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Hier eine Schleusenfahrt auf Deutschlands ältestem durchgehend schiffbaren Kanal: Finowkanal

Hier die bisherigen Begleitpublikationen von Kulturland Brandenburg

Zukunft der Vergangenheit Kulturland

Cover: L & H Verlag

Hier unserer Besuch im Ofenkachelmuseum in Velten